Elli Piesa und die Berliner Feiertage

Da hab ich mich am 7.3. mit ein paar Freunden getroffen, und die quatschten immer was vom Feiertag. Was denn für ein Feiertag, hab ich gefragt, morgen iss doch Freitag. Na und denn haben die mich erstmal aufgeklärt, und ich musste nachschauen, ob mein Kühlschrank für den Tag noch genug hergibt. In Berlin gibt es nämlich jetzt einen ganz offiziellen Feiertag, den Frauentag am 8. März. Den gibt es jetzt immer, jedes Jahr, und da brauchen alle nich arbeiten. Und deshalb hab ich denn mal über unsere Feiertage nachgedacht, zumindest über die in Berlin, denn das ist ja in den Bundeländern richtig unterschiedlich. Bayern zum Beispiel hat ganz viele, weil die katholisch sind. Wir in Berlin haben am allerwenigsten, aber wir sind ja auch überwiegend evangelisch, und da scheint die Regierung sich richtig für zu schämen, weil die scheinbar mit Religion nix zu tun haben wollen. Die ham ja sogar das Fach Religion nur noch als Wahlfach gemacht in der Schule, und angeblich denken sie drüber nach, dass sie es sogar ganz abschaffen wollen.
Also den Reformationstag, den hatten wir noch nie als offiziellen Feiertag, den hat sich aber Brandenburg gemacht gleich nach der Wiedervereinigung. Das fand ich gut, dass die an die Kirche dachten. Wobei ich mich an dem Tag immer irgendwie ärgere, weil da auch Halloween gefeiert wird, und das iss denn ja eigentlich ein Rückfall in die Hexenzeit.
Der Buß und Bettag, den wir mal hatten, der wurde gestrichen, damit die Wirtschaft nicht so geschwächt wird, denn was glauben sie, wie teuer so ein Feiertag iss. Immerhin kriegen die Leute da ja Geld, obwohl sie nix arbeiten. Deswegen sind die andern kirchlichen Gedenktage alle auf einem Sonntag, so wie der Volkstrauertag, der Totensonntag und so.
Ja und nun haben wir einen Feiertag mehr in Berlin. Nicht so wie Muttertag, der immer auf einen Sonntag fällt, nee, jetzt gibt es den Frauentag als Feiertag. Für alle. Verstehn sie mich nicht falsch, ich find nen Frauentag gut, den gabs ja auch schon immer, nur eben nich als Feiertag. Immerhin sind da auch die Frauen einbezogen, die keine Mütter sind. Aber wenn ich mir das richtig überlege, denn ist das ja eigentlich Sand in die Augen streuen.  Sozusagen eine Ruhigstellung für die Frauen, die für eine gleiche Bezahlung kämpfen und für ne Frauenquote in den Leitungsebenen. Und wenn manche Männer nur am Feiertag dran denken dass sie ne Frau haben, weil sie da nich arbeiten müssen und mehr Zeit zum nachdenken haben, denn nutzt das ja eigentlich auch nix.

Kann es sein, dass die Idee, einen Feiertag draus zu machen, vielleicht durch die Genderforschung entstanden iss? Die sind ja da wirklich ganz schwer am arbeiten. Müssen sie ja auch für das viele Geld, was die bekommen. Neulich hat mir tatsächlich einer erzählt, statt MitarbeiterInnen muss man jetzt Mitarbeiter*innen schreiben, weil nämlich ein großes I an das Geschlechtsteil des Mannes erinnern würde. Da wäre ich nie drauf gekommen, aber da kann man mal sehen wie gut es ist, wenn dran geforscht wird. Nur bei dem Feiertag jetzt in Berlin ham die alle aus meiner Sicht einen Fehler gemacht. Ich meine, ich weiß ja dass ich eine Frau bin, ob mit großem I oder mit Sternchen, und auch ohne Feiertag. Ich hab nämlich einen Spiegel zuhause und kann das auch jeden morgen sehen, falls ich es mal vergesse. Aber wenn die mich jetzt als Frau so richtig hätten würdigen wollen, dann hätten sie den Feiertag nur für die Frauen eingerichtet. Das wäre toll gewesen, und hätte der Wirtschaft mindestens die Hälfte der 160 Millionen erspart, die das so kostet. Wenn ich mir überlege, wie viele Frauenhäuser man dafür bauen könnte, falls manche Männer das mit den Frauenrechten mal vergessen…
Aber so haben ja alle frei, auch die Männer, die den Frauen keine Rechte zugestehen.

Und damit alle wissen wie wichtig der Frauentag iss, haben wir gleich noch ein Geschenk bekommen. Weil im nächsten Jahr der Frauentag auf einen Sonntag fällt, verborgen wir den auf den 8. Mai, den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Das iss nämlich auch ein Freitag, und denn gibts wieder ein langes Wochenende. (Wobei mir grade einfällt, dass die Verschieberei jedes Jahr bei Weihnachten ganz schön schwierig wäre, aber daran denken unsere Politiker scheinbar noch nich, weil es ja erst im Dezember iss). Na ja, zumindest kriegen wir den Frauentag 2021 am 8. März wieder zurück, weil das denn nämlich ein Montag iss, und da iss denn der 8. Mai nich mehr wichtig.  Und 2022 iss ja vielleicht ne andere Regierung dran, die eventuell was ganz anderes will als nur lange Wochenenden oder so…..

Wenn es jetzt ganz gerecht zugehen soll, brauchen wir nun auch noch andere Feiertage: der Kindertag muss einer werden und nicht immer nur auf den ersten Sonntag im Juli fallen, es muss ein Männertag her, denn Himmelfahrt ist ja nur zweckentfremdet worden dafür, und denn brauchen wir noch einen für divers. Und dann sollte es einen Gesetzentwurf geben, dass nur die Menschen den Feiertag bekommen, die es auch betrifft, denn wird die Wirtschaft nich so gebeutelt.
Mal sehen ob die das irgendwie hinbekommen, wegen der Gleichberichtigung. Aber vielleicht haben die bei Feiertagen ein ganz anderes System, was ich nur noch nicht durchblicke, weil ich schon so alt bin, denn am 1. Mai ist ja eigentlich der Tag der Arbeit, und da haben wir auch alle frei und brauchen nix tun….

Ich halt sie auf dem Laufenden.
unterschrift Elli

 

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Geänderte Prioritäten

Alles im Leben hat seinen Sinn. Bedingt durch gesundheitliche Probleme hatte ich in den letzten Monaten viel Zeit, intensiv nachzudenken. Über Freundschaften, Mitmenschlichkeit, Wertschätzung, Toleranz, und vor allem über einen respektvollen Umgang miteinander, der selbst dann noch vorhanden sein sollte, wenn man unterschiedliche Standpunkte und Meinungen vertritt.
Mit dem Ergebnis, dass ich meine Prioritäten neu geordnet habe.

In der Zeit fiel mir ein Text in die Hände, der, wie ich bei meinen Recherchen feststellte, entweder von Mario de Andrade stammt, (1893-1945, Dichter, Schriftsteller, Essayist) oder von dem brasilianischen Schriftsteller und Theologen Ricardo Goudim. Bei Andrade steht der Text unter der Überschrift Meine Seele hat es eilig, bei Goudim unter der Überschrift Die Zeit, die flieht.

Wer immer von beiden der Urheber ist, der Text fasst sinngemäß all das zusammen, was mich zurzeit bewegt. Ich gebe ihn hier gekürzt wieder, und einiges habe ich in meine eigenen Worte gefasst, oder ergänzt und auf mich zugeschnitten, wobei der Sinn der Gleiche geblieben ist.

Hier ist der Text

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe zu leben, als ich bisher gelebt habe.
Ich habe keine Zeit mehr für endlose Diskussionen über Statuten, Regeln, Verfahren und interne Auslegungen derselben in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.
Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.
Ich habe keine Zeit mehr, mich mit Menschen zu umgeben, die ein gemeinsames Ziel aus den Augen verlieren, um auf Nebenwegen Kleinkriege zu entfachen.
Ich will nicht in Veranstaltungen sitzen, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.
Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten.
Mich stören Menschen, die nicht zugeben können, wenn ihnen ein Fehler unterlaufen ist und die andere deswegen in Verruf zu bringen, um selbst in gutem Licht dazustehen.
Ich möchte mich nicht mit Menschen auseinandersetzen, die sich selbst überschätzen und andere niedertrampeln, nur um des eigenen Erfolges wegen.
Das alles habe ich von meiner Liste gestrichen, denn ich weiß nicht, wieviel Zeit mir noch verbleibt.

Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind.
Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden.
Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen.
Die die menschliche Würde verteidigen und die an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die authentisch und ehrlich sind, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren.
Menschen, die durch harte Schicksalsschläge lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.

Ich möchte intensiv  leben, meine Energie darauf verwenden, die positiven Dinge des täglichen Lebens zu erkennen  und dankbar sein für alles, was ich habe. Ich möchte das Ende zufrieden erreichen. In Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben, und das zweite beginnt, wenn man erkennt, dass man nur eins hat.

Entscheidungen

Mitunter kann das Leben ganz schön kompliziert sein, obwohl es das eigentlich gar nicht ist. Hört sich widersprüchlich an, oder? Scheint auch auf den ersten Blick so, aber manchmal komme ich ins Philosophieren oder denke stundenlang über Dinge nach, die doch so einfach scheinen. Kennen Sie das auch? Nein? Dann stellen Sie sich einmal folgende Situation vor:
Sie haben sich entschlossen, einen Monat gemeinsam bei und mit einer Familie zu verbringen, die Sie im Vorfeld bereits kennengelernt haben, und wo die Chemie zwischen allen Beteiligten stimmt. Danach ist eine zweiwöchige Pause vorgesehen, um dann das gleiche noch einmal für zwei weitere Monate zu wiederholen. Mit den Kindern verstehen Sie sich prima, die Eltern sind zu Ihnen sehr nett, und alle sind dankbar für Ihre Hilfe. Das ist die Theorie.
In der Praxis sieht die Theorie auch weiterhin so aus, nur mit dem Unterschied, dass Ihnen die Umstände einen Strich durch die Rechnung machen. Sie finden weder eine Harmonie vor im Zusammenleben, was aus Zeitgründen eh nur selten praktiziert wird, noch eine Struktur. Damit keine Missverständnisse entstehen: zu Ihnen ist jeder auch weiterhin sehr nett, und die Kinder lieben Sie. Trotzdem gibt es keinerlei Absprachen, keine Kontinuität, und das Wort Gemütlichkeit, was unter anderem für Sie auch ein gewisses Maß an Ordnung und Sauberkeit beinhaltet, vermissen Sie. Sie sprechen die Problematiken an, ebenso die Tatsache, dass die Kinder teilweise mit der Verantwortung, die sie übernehmen sollen, überfordert sind. Alle unmittelbar Beteiligten sehen es ganz genauso, aber die Erklärungen dazu zeigen angeblich keine andere Lösung auf, weil die Umstände es nicht zulassen.
Sie fühlen sich unwohl, mit jedem Tag mehr. Sie verstehen jeden Einzelnen, aber trotzdem lässt es sich nicht so zusammenfügen wie es sollte, oder im Interesse der Kinder sein müsste. Jeder setzt seine Prioritäten anders und hat einen anderen Gesichtswinkel. Alle sind zwar dankbar für die Ratschläge, die man sich von Ihnen einholt, jeder ist bemüht sich zu ändern, aber trotzdem wird das ungute Gefühl in Ihnen immer stärker.

Und dann steht plötzlich die Frage im Raum, ob Sie nach dem ersten Monat noch einmal wiederkommen.  Alles in Ihnen schreit NEIN, DASS TU ICH MIR NICHT AN, aber da sind vier Kinderaugen, die Sie hoffnungsvoll anschauen, und das Wissen darum, dass Sie in der zweiten Hälfte noch mehr gebraucht würden. Und Kinder kann man nun wirklich nicht zur Verantwortung ziehen für die Umstände, denn sie können gar nichts dazu und leiden am meisten.

Wie würden Sie sich entscheiden?

PS: Ach ja, falls ich vergessen habe es zu erwähnen: In Shanghai waren heute 29 Grad. Ist doch super für den Monat April, oder?

 

 

 

Der Wert einer Null

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in diesem Jahr wieder regelmäßiger einen Beitrag zu bloggen, aber irgendwie gelingt mir das noch nicht so richtig. Inzwischen habe ich eine Erklärung dafür, woran es liegen könnte. Erst war es das unbehagliche Gefühl vor der anstehenden Null, und nun ist es das Ergebnis davon, sprich: das Alter. Natürlich habe ich mir vorher lange genug eingeredet, dass niemand eine Null beim Geburtstag umgehen kann, es sei denn, er stirbt früher. Das wollte ich allerdings auch nicht, und deswegen habe ich mich einfach verkrümelt. Nicht so wie bei der fünften Null, als ich mir sieben Stunden Zeit schenkte, weil ich das erste Mal im Leben nach Amerika flog. Nein, dieses Mal waren es vier Tage Mallorca. Zusammen mit Sabine, der Tochter meiner verstorbenen Freundin Ille.
Es ging nach Santa Ponsa, einem entzückenden Ort mit nur einem Nachteil: wir konnten nicht kilometerweit am Strand langlaufen, sondern direkt ans Meer kam man nur an der Badebucht. Insofern konnten wir die Blumen für Ille, die damals eine Seebestattung hatte, auch nicht allzu weit ins Wasser hinauswerfen, aber sie fanden ihren Weg hinaus aufs Meer auch allein. Wir hatten die ganze Zeit wunderbares Wetter mit 17 Grad, derweil aus Deutschland Schneeberichte bei uns landeten.  

Der Geburtstag selbst begann an einem mit Rosenblättern geschmückten Frühstückstisch, Kerzen auf Tortenstücken und einem Ständchen des Servicepersonals. Genauso vollgepackt mit Überraschungen ging es weiter. In einem Restaurant am Flohmarkt bestellten wir zwei Kaffee und zwei Baguettes mit Tomaten, stellten auf der Rechnung fest, dass lediglich der Kaffee abkassiert wurde, und als wir den Irrtum fünf Minuten später aufklären wollten wurde uns mitgeteilt, das wäre geschenkt. War schon ein tolles Gefühl, wenn Ehrlichkeit so belohnt wird. Da weit und breit kein Taxi zu finden war, nahm ein netter Österreicher mit seiner Frau uns mit zurück nach Santa Ponsa, ohne dass wir fragen mussten, und beim Zurückkommen fanden wir im Hotel noch eine Flasche Sekt auf dem Zimmer vor, ein Geschenk des Hauses.  Am späten Nachmittag hatten mich bereits 78 Glückwünsche erreicht, und schöner hätte der Tag nirgendwo anders verlaufen können.

Am nächsten Tag feierten wir mit Natalie, der nettesten Reiseleiterin die ich bisher kennengelernt habe, ganz privat den St. Patrick`s Day, da in Santa Ponsa sehr viele Iren beheimatet sind, lernten dabei noch andere nette Menschen kennen und amüsierten uns prächtig.

Insgesamt gesehen also vier wunderbare Tage, und ich verstehe gar nicht mehr, warum ich mich vor dem Tag so gefürchtet habe. Es geht mir prima, trotz der Null, ich bin dem Schicksal dankbar für alle schönen Dinge, die es mir täglich beschert, und wenn man es genau nimmt, sind Nullen ja auch sehr wertvoll, zumindest dann, wenn sie hinter einer Zahl stehen. Je mehr desto besser…..

 

 

Deutsche Bahn – ein Erlebnis für sich

Irgendwie sieht es nicht so aus, als ob das mein Jahr wird. Nachdem die extreme Stresszeit von Anfang November bis Ende Januar vorbei war dachte ich mir, ein paar Tage raus aus Berlin könnten nicht schaden, und ich begab mich seit langer Zeit mal wieder auf eine Reise mit der Bahn. Da die Minusgrade noch nicht so extrem waren wie in den letzten Tagen, hatte ich zwar keinerlei Befürchtungen vor kalten Zügen, aber vorsichtshalber eine dicke Jacke an. Frankfurt

Die Hinfahrt begann damit, dass der ICE zwei Wagen weniger hatte, dementsprechend gerammelt voll war und es kaum freie Plätze gab. Da nutzte es auch nichts das gesagt wurde, Betroffene der gestrichenen Waggons bekämen das Geld für die Platzkarte zurück – ich musste dankbar sein, überhaupt einen Sitzplatz zu ergattern. Aber das Glück war mir hold, und außerdem war es eh nur bis Frankfurt, dort wurde ich abgeholt.
Das chinesische Frühlingsfest entschädigte mich dann für den vollen Zug, und den Rest der Fahrt legten wir abends mit dem Auto zurück. Es folgten noch drei sehr schöne Tage,  dann ging es zurück.

Laut Plan sollte ich zweimal umsteigen. Und weil die Deutsche Bahn darauf bedacht ist, ihre Kunden zufriedenzustellen, informiert sie natürlich über Verspätungen oder andere Unebenheiten, wenn man das wünscht. Natürlich hatte ich die Option gewählt, auch wenn ich weiß, dass bei der Bahn selten etwas schiefgeht. Aber man kann ja nie wissen.
Eine Stunde vor meiner Abfahrt bekam ich eine Mail. Die erste Strecke sei noch in Ordnung, aber in Mainz hätte mein Anschlusszug nach Frankfurt 18 Minuten Verspätung, und deswegen könne ich den Zug von Frankfurt nach Berlin nicht erreichen, weil der nicht warten würde.
Gleich darunter stand dann allerdings noch die Mitteilung, dass der Anschlusszug, den ich eh nicht erreichen würde, gestrichen wurde und gar nicht fährt. Es gäbe aber einen Ersatzzug, dessen Nummer auch angegeben wurde. Also dachte ich, dass die näheren Infos mir mehr bringen, aber leider zeigten die nur die Streckenführung des Zuges an, der nicht fährt.

Nun gut, da es eh nicht zu ändern war, fuhr ich erst einmal wie geplant bis Mainz. Und da ich ja 18 Minuten mehr Zeit hatte zum Umsteigen, begab ich mich zur Information. Die Dame dort war sehr nett und gab mir den Tipp, wenn ich jetzt die S-Bahn nehmen würde bis Frankfurt, dann könnte ich den Ersatzzug noch rechtzeitig erreichen. Meine Frage, ob der ebenfalls ab Frankfurt Flughafen fährt, wurde bejaht, das wäre ja wohl selbstverständlich, schließlich sei es ja der Ersatzzug! Dabei schaute sie mich an als zweifle sie an meinem Verstand und fügte mitleidig hinzu, ich müsste mich dann aber beeilen, denn die S-Bahn würde bereits in drei Minuten abfahren.

In letzter Sekunde schaffte ich den Einstieg, erwischte einen Platz und war immer noch außer Atem als ich dem Schaffner erklären musste, warum ich nur ein Bahnticket hatte und nun in der S-Bahn ohne Fahrschein sitzen würde. Allerdings schien er meine leicht aufkommende Panik zu bemerken, oder aber er wollte sich vor Feierabend nicht mehr streiten. Er ließ es letztendlich dabei bewenden und meinte, das würde wohl in Ordnung gehen, auch wenn sein Gerät meine Karte nicht scannen konnte. Immerhin wäre ich ja in der Bahn schon kontrolliert worden. (Was allerdings nicht stimmte, denn es war noch gar kein Zangenabdruck auf dem Schein).
Bei der Ankunft stellte ich dann fest, dass der Bahnsteig der S-Bahn noch gut sieben Minuten schnellen Schrittes vom Fernbahnhof entfernt ist, also war wieder rennen angesagt. Fünf Minute vor der Zeit stand ich keuchend an dem Gleis, von dem der Zug abfahren sollte, und konnte zwei Minuten später beobachten, wie die Anzeige vor meinen Augen verschwand, weil der Zug ja gestrichen wurde. Von Ersatzzug war keine Rede mehr, weder als Anzeige noch als Durchsage.

Also wieder hoch, Infoschalter gesucht und gewartet, bis die Kunden vor mir fertig waren. Dann wurde mir erklärt, dass der Ersatzzug selbstverständlich fahren würde, allerdings nicht von diesem Bahnhof, sondern von Frankfurt Süd. Das wäre natürlich jetzt zu spät für mich, ehe ich da sei wäre der Zug weg. Allerdings gab man mir eine neue Verbindung mit der Erklärung, dann könne ich wenigstens noch ein wenig verschnaufen, denn der Zug nach Hannover würde erst in 30 Minuten fahren. Dort müsse ich dann wieder umsteigen, hätte 20 Minuten Zeit dafür, und dann ginge es weiter nach Berlin.

Inzwischen konnte ich dem Ganzen nur noch ein Kopfschütteln abgewinnen, und da ich eine unverbesserliche Optimistin bin und eh nichts mehr ändern konnte, sah ich das Positive an der Sache: endlich konnte ich eine Toilette suchen, denn in dem ersten Zug war sie außer Betrieb und in der S-Bahn gab es keine.

Im ICE nach Hannover sah die Welt schon besser aus: es gab kostenfreies Internet.  Zwar sehr langsam, aber immerhin. Zumindest ließ mein Laptop mich wissen, dass der letzte Bus in Berlin bis zu mir nach Hause fünf Minuten vor unserer Ankunft abfahren würde, vorausgesetzt wir wären pünktlich. Was bedeutete, ich musste die U-Bahn nehmen und nochmal in den Nachtbus umsteigen. Immerhin, kurz nach Mitternacht würde ich dann vielleicht doch mein Ziel erreicht haben. Und dabei fiel mir wieder ein Punkt ein, warum ich diese Stadt liebe: Egal wann man nachts ankommt, irgendwie kommt man mit den Öffentlichen immer noch nach Hause, und sei es auf Umwegen. Man muss eben nur Geduld haben.

In Hannover fuhr der Zug nach Berlin mit nur fünf Minuten Verspätung ab, aber das war ja egal, weil mein Bus eh weg sein würde. Dafür waren noch massenhaft Plätze frei, und ich musste lediglich aufpassen, dass ich nicht  einschlief. Ich konnte es kaum glauben, als wir trotz aller bisherigen Verspätungen auf die Minute genau pünktlich in Spandau ankamen.
Es war die BVG, die mich dann vollends glücklich machte. Deren Uhren schienen auch nachzugehen, oder aber sie hatten inzwischen den Fahrplan eigens für mich geändert.
Gerade als ich das Bahnhofsgelände verließ, hielt der letzte Bus des Tages nach Reinickendorf drei Schritte vor mir an der Haltestelle. Ein Geschenk der Bahn, welcher auch immer, denn ich ersparte mir dadurch ein erneutes Umsteigen von der U-Bahn in den Nachtbus und war dadurch bereits eine halbe Stunde vor Mitternacht zuhause. Wenn sowas kein schöner Tagesabschluss ist…

 

 

Wahljahr – Der Unterschied zwischen Staat und Bürger

Als ich wegen einer Schrottimmobilie eine Privatinsolvenz anmelden musste, sah die Praxis folgendermaßen aus:
Mein Gehalt wurde bis zum Limit weggepfändet, mein Auto musste ich zum Zeitwert zurückkaufen, und eine Rückzahlung vom Finanzamt war ebenso weg wie meine für später gedachte Lebensversicherung. Nach sechs Jahren durfte ich zwar mein Geld wieder behalten, aber dank des Schufaeintrages war ich auch weitere vier Jahre noch kreditunwürdig. Egal wie viel Geld auf meinem Konto monatlich einging, ich bekam nicht mal eine Visakarte. Eigentlich wären es nur drei Jahre danach, aber da meine Insolvenz Anfang Januar begann und auch abgeschlossen wurde, sind für mich vier Jahre draus geworden. Die Zeit zählt nämlich erst ab dem Folgejahr der abgeschlossenen Insolvenz. So will es das Gesetz.

Ich will mich nun nicht über die Insolvenz beklagen, denn niemand hat mich damals gezwungen, die Immobilie zu kaufen, auch wenn von Seiten der Bank vieles nicht so gelaufen ist wie es hätte laufen müssen.

Gleichwohl stelle ich fest, wie unterschiedlich auch hier die Handhabung ist zwischen Otto Normalverbraucher und dem Staat. Seit Jahrzehnten wird uns erzählt, wie sehr wir sparen müssen in Deutschland, weil wir so schrecklich überschuldet sind. Die Abschaffung des Solidaritätszuschlages wird schon gar nicht mehr erwähnt. Wer sich seit 27 Jahren mit dieser „vorrübergehenden Zahlung“ arrangiert hat, kann das auch auf Dauer. Steuersenkungen oder dem Lebensstandard angepasste Rentenerhöhungen? Nee, das geht ja gar nicht. Immerhin müssen wir ja nachdenken, wie wir diesen massiven Schuldenberg abbauen den wir haben.  Also wird gespart. Natürlich auf dem Rücken der Bevölkerung. Und wenn es dann tatsächlich ein Jahr gibt, in welchem die Regierung keine neuen Schulden aufnehmen muss, dann klopfen sich die entsprechenden Politiker auf die Schulter und lassen sich feiern.

Wahljahr

Wenn ich allerdings nebenstehende Zeitungsnotiz sehe verstehe ich die Welt nicht mehr. Zumal wenn ich den Grund lese, warum das Geld woanders hingeht. Wenn wir schon von unserem Gesparten nicht selbst profitieren, wieso ist es dann nicht selbstverständlich, dass davon Schulden bezahlt werden? Und wo kommt der bereits vorhandene Puffer von 12,8 Milliarden her? Da drängt sich mir tatsächlich der Gedanke auf, dass wir schon seit Jahren prima gespart haben, ohne etwas davon zu ahnen oder zurückzubekommen.

Ich kann derzeit die vielen Phrasen der Politiker nicht mehr hören und hoffe, dass die Wahl bald vorbei ist. Es ist mir tatsächlich noch niemals so schwergefallen, dass für mich kleinste Übel bei der Wahl herauszufinden, weil ich keiner Partei mehr glauben kann. Und leider ist nichts so schwer wiederzufinden wie verlorengegangenes Vertrauen.

Wer wird hier vor wem geschützt?

Na bitte, es geht doch. Nachdem ich mich Anfang Dezember darüber aufgeregt habe, dass dank fehlerhafter Ausschreibung die neu gebaute Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge leer stand, kam  nach drei Monaten des Nachdenkens endlich Bewegung in die Angelegenheit. Nicht das Sie denken, es wäre mit der europaweiten Ausschreibung so schnell gegangen, beileibe nicht. Aber zumindest hat man sich dazu durchgerungen, vorerst den Internationalen Bund Berlin Brandenburg als Betreiber des Hauses einzusetzen, damit die Turnhallen in Reinickendorf irgendwann im Laufe des Jahres wieder für die Schüler und für den Vereinsport hergerichtet werden können.

Natürlich schaute ich mir das neungeschossige Haus am Besichtigungstag an, und auf die näheren Einzelheiten will ich hier nicht eingehen. Es ist in den Zimmern kein überflüssiger Komfort, aber alles ist sauber und zweckmäßig eingerichtet für insgesamt 225 Personen. Angefangen von Gemeinschaftsküchen bis hin zu Spielzimmern wurde an alles gedacht. Es sind ausschließlich solche Flüchtlinge untergebracht, bei denen eine hohe Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, dass der Asylantrag positiv bewertet wird oder von denen man weiß, dass die Antragsbearbeitung kompliziert ist. Also alles angelegt auf einen längeren Zeitraum.

Bei näherer Betrachtungsweise stört mich allerdings eine Sache so nachhaltig, dass sie mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Das gesamte Gebiet ist eingezäunt mit einem sehr hohen Zaun. Es ist nicht genau der gleiche wie um das Gefängnis in Tegel, aber fast. Beim Gefängnis richtet sich der oben gebogenem Zaun hin zu den Gefangenen, was für mich so viel bedeutet wie: wir werden vor den Straftätern geschützt. Hier ist es umgekehrt. Der Zaun ist oben nach außen gebogen, und somit entsteht für mich die Frage, die mir bisher leider niemand zur Zufriedenheit beantworten konnte:
wer muss hier vor wem geschützt werden?

Wir vor den Flüchtlingen oder die Flüchtlinge vor uns?

Angeblich, so hieß es, ist diese hohe Einzäunung eine Auflage des LAV (Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten).

Wenn ich ein Problem habe, gehe ich meist so vor: links steht das Problem, und rechts alle Lösungen, die mir dazu einfallen. Anschließend spiele ich alle Lösungen durch und schreibe mir auf, welche Folgen sie evtl. haben. Und mitunter komme ich zu dem Ergebnis, dass es besser ist, das Problem zu behalten weil es durch die Lösungen neue Probleme aufwirft, die mitunter weitaus gravierender sind.

So auch hier. Natürlich waren die bisherigen Anschläge auf Flüchtlingsheime schlimm, aber kann man immer vor allen Dingen geschützt werden? Wie soll Integration eigentlich funktionieren, wenn bereits rein äußerlich solche Abgrenzungen errichtet werden? Würde nicht der Wachdienst vor den Eingängen mit einem kleineren Jägerzaun, damit die Kinder nicht vom Spielplatz auf die Straße laufen, auch ausreichen? Muss es tatsächlich solch hoher Zaun wie um das Gefängnis oder damals in Sachsenhausen sein? Schüre ich damit nicht gerade Vorurteile, egal gegen wen?
Getreu dem Motto: alle Deutschen wollen dir nur was tun, ich beschütze dich, oder, für die andere Seite: sei vorsichtig, hier wohnen Asylbewerber, mach lieber einen Bogen?

Niemand wird es je allen Menschen recht machen können, dazu sind die Menschen einfach zu unterschiedlich. Ein Restrisiko, dass irgendetwas passiert, ist bei allen Dingen vorhanden, unabhängig von der Sache und von der Nationalität. Aber für mich bedeutet Integration ein Miteinander ohne Vorurteile, ohne Schubladendenken und ohne alles über einen Kamm zu scheren. Dazu gehört allerdings Vertrauen.
Leider wird in unserem Land nicht mehr differenziert, und ich weiß nicht, ob das aus Vereinfachungsgründen so ist oder ob es an den fehlenden personellen Ressourcen liegt. Vielleicht bin ich ja auch schon zu alt und habe gar nicht mitbekommen, dass eine Differenzierung der Dinge in der heutigen Zeit nicht mehr gefragt und überholt ist.

Wie sagte doch der neue Justizsenator von Berlin so schön, als es um sein Gutachten über Unisex Toiletten ging? Antidiskriminierung beginnt bei den kleinen Dingen des Alltags.

Und genau deswegen würde ich es sehr begrüßen, wenn das Pro und Contra der hohen „Schutzzäune“ einmal diskutiert wird unter Einbeziehung der Meinung von den betroffenen Flüchtlingen. Vielleicht haben diese ganz andere Wünsche oder Befürchtungen, von denen wir nicht einmal etwas ahnen.

 

Besinnliche Weihnachten

weihnachtsbaum

Ansprache einer Kerze

(Verfasser unbekannt)

Ihr habt mich angezündet und schaut – nachdenklich oder versonnen – in mein Licht.

Vielleicht freut ihr euch auch ein bißchen dabei. Ich jedenfalls freue mich, daß ich brenne. Wenn ich nicht brennen würde, läge ich in einem Karton mit anderen, die auch nicht brennen. In so einem Karton haben wir überhaupt keinen Sinn. Da liegen wir nur herum. Einen Sinn habe ich nur, wenn ich brenne. Und jetzt brenne ich.

Aber seit ich brenne, bin ich schon ein kleines bisschen kürzer geworden. Das ist schade, denn ich kann mir ausrechnen wann ich so kurz bin, dass ich nur noch ein kleines Stümpfchen bin. Aber so ist das, es gibt nur zwei Möglichkeiten:

Entweder ich bleibe ganz und gar unversehrt in meinem Karton, dann werde ich nicht kürzer, dann geht mir überhaupt nichts ab. Aber dann weiß ich auch nicht, was ich eigentlich soll. Oder ich gebe Licht und Wärme, dann weiß ich, wofür ich da bin. Dann muss ich aber auch etwas geben dafür, von mir selbst, mich selbst .Das ist schöner, als kalt und sinnlos im Karton zu liegen.

So ist das auch bei euch Menschen, genauso.
Entweder Ihr bleibt für euch, dann passiert euch nichts, dann geht euch nichts ab. Aber dann wisst ihr eigentlich auch nicht so recht warum ihr da seid. Dann seid ihr wie Kerzen im Karton.

Oder ihr gebt Licht und Wärme, dann habt ihr einen Sinn. Dann freuen sich die Menschen das es euch gibt. Dann seid ihr nicht vergebens da.

Aber dafür müsst ihr etwas geben, nämlich etwas von euch selbst, vor allem von dem, was in euch lebendig ist:
von eurer Freude, eurer Herzlichkeit, von eurer Treue, eurem Lachen, von eurer Traurigkeit, von euren Ängsten und von euren Sehnsüchten, von allem was in euch ist.

Ihr braucht keine Angst zu haben wenn ihr dabei etwas kürzer werdet. Das ist nur äußerlich. Ihr werdet immer heller. Denkt ruhig dran, wenn ihr eine brennende Kerze seht, denn so eine Kerze seid ihr selber.

Ich bin nur eine kleine, einzelne Kerze. Wenn ich allein brenne, ist mein Licht nicht groß, und die Wärme, die ich gebe, ist gering.

Ich allein – das ist nicht viel.

Aber zusammen mit anderen, das ist viel.

Licht ist ansteckend

Ich wünsche  Euch allen ein friedliches, besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Start in das Jahr 2017.

Flüchtlingspolitik – Theorie und Praxis

fluchtlingsunterkunft

Rechtzeitig vor Weihnachten sollte das Haus mit 230 Wohnungen für Flüchtlinge, welches die GEWOBAG dank der Modulbauweise in Tegel Süd innerhalb eines halben Jahres errichtet hat, fertig sein. Und siehe da: es gelang tatsächlich, rein theoretisch könnten dort Mitte Dezember die Wohnungen bezogen werden.

Allerdings nur theoretisch. Denn praktisch kann das Haus nur von außen bestaunt werden.
Solche Häuser brauchen nämlich einen Betreiber. Und dazu muss man die ganze Angelegenheit ausschreiben, um zu entscheiden, wer den Zuschlag bekommt. Die Ausschreibung wurde auch vorgenommen, nur leider lief da wohl im Landesamt für Flüchtlinge etwas schief. Irgendein Betreiber hatte dann wohl nach der Auftragsvergabe einen guten Anwalt in der Familie, (absichtliche Verzögerung wegen Überkorrektheit oder angeknacktes Ego würde ich nie wagen zu unterstellen), der mit Argusaugen sofort einen Fehler entdeckte und eine Klage einreichte. Einem Gerücht zufolge soll man wohl vergessen haben, die ganze Sache europaweit auszuschreiben. Ob das allerdings tatsächlich der Grund ist, weiß ich nicht.
Wie auch immer: der Kläger bekam Recht. Der Bezug der Wohnungen wurde gestoppt, weil alles neu ausgeschrieben werden muss. Laut Bericht des Tagesspiegels vom 18.11. sind acht Standorte davon betroffen, wobei für zwei von ihnen eine Interimslösung gefunden wurde für eine Nutzung von sechs Monaten mit der Option für eine dreimonatige  Verlängerung. Leider konnte bisher nicht geklärt werden, warum für die anderen sechs Standorte keine Interimslösung in Sicht ist. Immerhin hatte das LAF eine Erklärung dafür, wie es zu dem Fehler kommen konnte: Personalmangel, zu wenig qualifizierte Mitarbeiter und zu wenig Geld, um bei der Ausschreibung Experten von außen zu beauftragen. Die man ja nach meinem Ermessen eigentlich einsparen könnte, wenn die Mitarbeiter qualifiziert würden für ihr Arbeitsgebiet, oder bin ich da zu blauäugig?

Ich bin ein Gegner von Schuldzuweisungen, mir geben solche Dinge einfach nur zu denken. Am meisten tun mir die Flüchtlinge leid, die sich bereits auf eine menschenwürdige Unterkunft gefreut haben. Ob die wohl unsere Bürokratie verstehen? Ich glaube kaum, das gelingt mir ja als eingefleischte Deutsche mitunter nur bedingt.
Aber ich habe auch noch andere Gedankengänge. Zahlt eigentlich jetzt die Haftpflichtversicherung des öffentlichen Dienstes die Folgeschäden, die durch die Fehler der Mitarbeiter entstanden sind? Da dürfte ja so einiges zusammenkommen: Prozesskosten, Leerstand der fertigen Wohnungen, Experten, die hinzugezogen werden müssen damit nicht wieder ein Fehler passiert, und sicherlich noch einiges mehr. Oder geht das zu Lasten der Steuerzahler? Wann beginnt eigentlich die nächste Ausschreibung, und wie lange dauert es bis zu einer neuerlichen Entscheidung? Veranlaßt das noch der alte oder schon der neue Senat? Der ist ja offiziell noch gar nicht im Amt, und wenn das der Fall ist, dann kommen schon die Weihnachtsfeiertage.
Sicherlich wird es nicht ganz so lange dauern wie der BER, aber ich schätze mal, wenn bei dieser Bürokratie die Wohnungen nächstes Jahres im Sommer bezogen werden können, sind wir richtig gut.

Und deshalb möchte ich abschließend ein paar Worte an den Kläger richten, wer immer das ist: BRAVO, Sie sind der perfekteste Gerechtigkeitsfanatiker den ich kenne. Da ist jemandem in der Eile ein Fehler passiert, und Sie haben ihn entdeckt. Wenn Sie zu den Bewerbern als Betreiber gehören hoffe ich inständig, dass Sie den Zuschlag auch nach einer erneuten Ausschreibug NICHT bekommen. Haben Sie die ganze Sache allerdings ganz uneigennützig gemacht, weil Sie perfekt sind und aus Ihrer Sicht Fehler grundsätzlich ausgemerzt werden müssen, egal ob sich dadurch 20 andere Probleme und immense Mehrkosten auftun oder nicht, dann vermute ich fast, dass Sie zum Vorstand der Bürokraten in der EU gehören. Immerhin werden Verordnungen von dort so detailliert abgefasst, dass wahrscheinlich die Betroffenen allein für das Verstehen schon eine Zusatzausbildung benötigen.

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Nachgedacht

Ich kam total verschnupft von der Frankfurter Buchmesse zurück, und weil es im wahrsten Sinne des Wortes verschupft war, gestalteten sich die nächsten beiden Tage so: die Stimme wie ein Reibeisen, Rotlicht, Schal um den Hals, heißen Tee mit Zitrone, wieder Rotlicht und ab ins Bett. Und wie das dann so ist wenn ich krank und entsprechend schlapp bin, begann ich nachzudenken. Nicht über bestehende Probleme, nein, sondern ich machte mir Gedanken über Dinge, denen ich sonst vielleicht nicht so viel Zeit des Nachdenkens gewidmet hätte.

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Mir fiel die Preisverleihung des Kindl Storyteller Preises für Self-Publisher auf der Frankfurter Buchmesse wieder ein. Immerhin waren 1.900 Einsendungen eingegangen, und die besten fünf warteten nun auf das Ergebnis der Jury. Bis es soweit war, lief vor meinen Augen die Werbung  des Veranstalters ab. Darin wurden Personen gezeigt, die Reklame machten für Self-Publisher. Die Altersgruppe war gut durchgemischt, von jung bis alt war alles vertreten. Und auch gendermäßig war an alles gedacht worden, vielleicht sogar ein wenig zu viel, denn die Frauen überwogen. Alle bekamen die gleiche Frage gestellt, die unter dem Foto verzeichnet war: Welche Gefühle hatten sie beim Hochladen ihres Buches?
Die Antworten kamen alle sehr euphorisch.  Von – ich hatte Tränen in den Augen – über – unbeschreiblich, dass muss man einfach erlebt haben – überwältigend – bis hin zu – das war der bewegendste Moment meines Lebens – war da wirklich fast alles vertreten, und ich fragte mich ernsthaft, ob ich vielleicht nicht richtig ticke? Das könnte ja sein, immerhin hat jeder Mensch eine andere Landkarte im Kopf. Ich habe selbst schon etliche literarische Ergüsse von mir hochgeladen in eine online Zeitung, und auch das Buchmanuskript an den Verlag wurde per Internet gesendet. Aber dass bereits das Hochladen eines Werkes solche Glücksgefühle auslöst zeigt mir, dass das Schicksal mich, zumindest in der Richtung, nicht hinreichend ausgestattet hat. Mir gehen dabei meist andere Dinge durch den Kopf, nämlich: wie viele Fehler habe ich übersehen – ist es tatsächlich so interessant für andere wie ich mir einbilde – hoffentlich klappt ein längeres hochladen ohne dass das Internet zusammenbricht. Allerdings habe ich jede Menge andere bewegende Momente in meinem Leben zu verzeichnen, die aber weder mit Literatur noch mit dem Internet etwas zu tun haben.

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Die Tatsache, dass ich mit meinem Denken tatsächlich nicht so ganz zeitgemäß zu sein scheine, zeigte sich kurze Zeit später erneut. Ich stand an einem Schweizer Stand und war fasziniert von einem Buch namens Schweizer sind Bünzlis. Beim Querlesen stellte ich fest, dass es genau meinem Humor entsprach, zumal ich ja gerade drei Monate in der Schweiz verbracht hatte. Ich beschloss also, mir selbst etwas zu schenken und schaute, wie teuer es war. 15,50 Schweizer Franken. Umgerechnet sollten es dann allerdings laut Preisschild 25,50 Euro sein. Ungläubiges Staunen meinerseits, denn obwohl ich kein Mathegenie bin, schien mir hier etwas nicht zu stimmen. Ich steuerte also auf einen jungen Verlagsmitarbeiter zu um zu fragen, ob hier eventuell ein Irrtum vorliegen würde. Die Antwort verblüffte mich:
Nein, das wäre ganz bewußt so gemacht worden. Als Schweizer Verlag würden sie ihren Landsleuten logischerweise die einheimischen Waren preiswert verkaufen, um Produkte aus ihrem Land zu unterstützen. Ausländer hingegen müssten dafür mehr bezahlen. Aber wenn ich mir das Buch beim nächsten Besuch in der Schweiz kaufen würde, käme ich ja auch in den Genuss des billigeren Preises, oder vielleicht hätte ich ja Freunde dort, die es mir schicken könnten.
Dabei wirkte er so stolz auf sein Land, so ehrfurchtsvoll, selbststbewusst und trotzdem freundlich und verbindlich, als seien seine Ausführungen die einzig Wahren. Ich war sprachlos. Wow. Welch Geschäftssinn. Leider lagen meine verbliebenen Schweizer Franken noch in Berlin, und so verzichtete ich schweren Herzens auf den Kauf.

Am meisten zu denken gab mir allerdings ein Anruf am heutigen Tag. Die Hauptzentrale der Bank, bei der ich ein Tagesgeldkonto unterhalte, rief mich aus Hessen an. Ich wäre doch vor 2,5 Wochen in Berlin in der Zweigstelle gewesen, und nun wolle man doch mal nachfragen, wie ich von der Kollegin bedient worden sei?
Bisher kannte ich nur, dass Telefongespräche mit den Kundenbetreuern aufgezeichnet werden können, aber diese Art zur Ermittlung der Kundenzufriedenheit war mir bisher fremd. Und sie gibt mir mehr als zu denken. Wie durchsichtig sollen denn die Arbeitskräfte in der heutigen Zeit gemacht werden? Vor allem  aber: wie ungeschützt sind sie? Welche verheerenden Folgen kann es haben, wenn ein notorisch nörgelnder Kunde seinen Frust ablässt und die betroffene Person sich nicht einmal rechtfertigen kann? Weil sie sich vielleicht nach drei Wochen nicht mehr erinnert an den Kunden, da es gar keine Vorkommnisse gab? Oder weil ihr die Beweise fehlen, dass es nicht so war?
Natürlich kann ich nein sagen zu der Befragung und niemand würde mich zwingen, darauf zu antworten. Aber allein dieser Ansatz ist für mich der Grundstock um ein System zu entwickeln, unbeliebte Mitarbeiter aus dem Betrieb hinauszugraulen. Und, sollte dieses Beispiel Schule machen und ausgebaut werden, ein alarmierendes Zeichen dafür, dass unsere angebliche Demokratie arg bröckelt.

Vielleicht sollte ich doch aufhören mit dem Nachdenken, um zu verhindern, dass ich mir irgendwann Probleme schaffe, die vorher gar nicht nicht da waren.