Archiv für den Monat September 2016

Beweise

Eigentlich hatte ich bisher mit Parkhäusern bzw. mit deren Verwaltung, wenn ich Hilfe brauchte, noch nie Probleme. Die Betonung liegt auf eigentlich. Denn gestern wurde ich eines Besseren belehrt, auch wenn der Auslösefaktor meine eigene Schusseligkeit war.

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© Inge Beer

Da ich keinerlei Termine hatte fasste ich am Vormittag den Entschluss, mal wieder mein Fitnessstudio aufzusuchen. Das hatte ich nämlich in der letzten Woche sträflich vernachlässigt. Eins der praktischen Dinge daran ist, dass ich im Anschluss meist auch gleich noch einkaufe, denn ich parke durch das Training drei Stunden lang kostenlos. Ich absolvierte also meine Runden, machte einen Saunadurchgang, duschte mich, brachte die Sporttasche zum Auto und ging einkaufen. Auch das ging relativ zügig, denn ich wusste ja was ich brauchte. Danach schaute ich auf meinem Handy nach der Zeit, denn zuzahlen wollte ich nicht. Aber ich war richtig gut, immerhin verblieben mir noch 30 Minuten.

Nachdem ich alle Einkaufsbeutel im Auto verstaut hatte stellte ich allerdings mit Entsetzen fest, dass meine Parkkarte verschwunden war. Dabei hätte sie in der Jackentasche sein müssen, in welcher auch mein Handy steckte. War sie aber nicht mehr. Also begann ich die gesamte Strecke in den Borsighallen abzulaufen, die ich vorher gegangen war. Ohne Erfolg. Auf der Erde war sie nirgends zu sehen, und weder bei Rewe noch am Infoschalter war sie abgegeben worden. Die Dame an der Information schickte mich dann an den Kassenautomaten, der blau umrandet ist und sich im Erdgeschoß befindet, dort würde man mir sagen können wie es weitergeht. Als erstes studierte ich die Preistafel. Aha, Verlust der Karte zehn Euro. Ich ärgerte mich natürlich, tröstete mich allerdings mit dem Gedanken, dass der Verlust des Handys bitterer gewesen wäre. Nachdem ich aber dann mit dem Herrn gesprochen hatte der sich auf Knopfdruck hin meldete, war ich mehr als sauer. Nichts mit zehn Euro. Die ganze Sache würde 2o Euro kosten. Das stünde ja schließlich auch auf der Tafel. Zehn Euro für die Karte plus  Parkgebühren. Und da ja niemand wissen könne wie lange ich da schon stehe, müsse ich die Tagespauschale zahlen. Meine Frage, ob es nur beim Preis des neuen Parktickets bliebe wenn ich einen Nachweis über die Zeit erbringen würde konnte er mir nicht beantworten: das wisse er nicht, denn er könne ja durchs Telefon nichts sehen.

Ich ging also wieder hoch ins Sportsstudio, und die Kollegen dort waren so nett, mir anhand meines Ein- und Auscheckens eine Bescheinigung zu schreiben, von wann bis wann ich dort zum Training war. Dann ging es wieder in die untere Etage zum Infoschalter in dem guten Glauben, dass es bei zehn Euro bleiben würde, immerhin hatte ich ja nunmehr einen Nachweis meiner Ankunftszeit. Da bräuchte man ja nur mal auf die Uhr schauen wie spät es jetzt sei. Dachte ich.
Das war allerdings ein Irrglaube, wie sich herausstellte. Die Dame telefonierte und teilte mir danach mit, dass dies trotz Bescheinigung leider nicht machbar wäre. Natürlich sagte mein Gerechtigkeitssinn etwas anderes und wer mich kennt weiß, was dann kam. Ich begann zu diskutieren. Immerhin wäre ich mit den zehn Euro für die neue Karte ja einverstanden, es ginge hier nur um die Parkzeit, und den Beweis hätte ich ja schließlich geliefert. Es müsse doch hier irgendeinen Menschen geben der die Kompetenz hätte, eine Entscheidung zu treffen. Das schien zu helfen. Der Zentrumsmanager müsse das entscheiden, aber die Leitung sei besetzt. Also wartete ich, ich kam je eh nicht raus. Nachdem sie dann dort doch noch irgendjemanden erreicht hatte kam der nächste abschlägige Bescheid: Es täte allen unendlich leid, aber das könne man nicht anerkennen, ich müsse die Höchstsatzparkgebühren zahlen.

Ich war so sauer, dass ich vor lauter Wut hätte schreien können. Also wieder zurück und die telefonische Verbindung mit dem Automatenkollegen hergestellt. Dann die Anweisungen: Knopf für Ersatzticket drücken, 20 Euro in den Automaten stecken, und dann käme die Karte raus mit der ich das Parkhaus verlassen könnte. Brav wie ich bin tat ich alles wie befohlen, verabschiedete mich von meinem Zwanzigeuroschein und steckte ihn in den dafür vorgesehenen Schlitz. Er wurde sogar geprüft vom Automaten. Das Ergebnis steckte ich ein und begab mich zur Ausfahrt. Karte ich die Schlitz geschoben, gewartet, und es passierte – nichts. Die Schranke ging nicht hoch. Also wieder zurück, wieder von der 4. Etage ins Erdgeschoss und zunächst die Karte geprüft. Die Meldung hieß: Karte nicht benutzt. Das stimmte, da hatte sie vollkommen recht. Beim neuerlichen telefonieren mit dem Automaten war dieses Mal eine Frau dran. Der Automat ist leider defekt, wir wollten ihnen das noch sagen, aber da waren sie schon weg.
Aha, und nun? Die nächste Frage. Was sagt denn die Karte? Ich erklärte es. Das tut uns sehr leid. Haben sie bitte noch ein wenig Geduld. Ich schicke ihnen gleich einen Techniker vorbei, der wird ihnen weiterhelfen. Der kam dann auch nach kurzer Zeit, bekam von der Parkkarte die gleiche Antwort wie ich, klärte mich auf dass die Automatengesprächspartner in Würzburg sitzen würden,  schüttelte den Kopf und wählte den kurzen Dienstweg, indem er seinen Kollegen anrief: Da kommt vom Parkdeck vier in den nächsten 10 Minuten eine Frau B. Macht ihr mal die Schranke auf, es ist alles in Ordnung. Der Automat ist defekt, ich habe die Karte einbehalten.
Na bitte, ging doch. Also wieder nach oben, ins Auto, an die Schranke und dort den Knopf gedrückt. Danach entstand dann ein nettes, humorvolles Gesprächsgeplänkel, da der Kollege scheinbar dachte ich sei ein Scherzkeks. Im Geiste habe ich die ganze Mannschaft grinsend am Telefon sitzen sehen. Er begann nämlich mit der Frage: ja warum wollen sie denn raus? Also alles im Schnelltempo nochmal erzählt und darum gebeten, die Schranke zu öffnen. Erst nachdem er zum Schluss meinte: So, nun schieben sie nochmal die Karte rein, nun müsste es gehen stand ich kurz davor die Geduld zu verlieren. Allerdings ging dann auf mein verzweifeltes: aber die hat doch ihr Kollege einbehalten, das habe ich ihnen doch schon gesagt, der hat doch mit ihnen telefoniert endlich wie von Zauberhand die Schranke hoch und ich konnte das Parkhaus verlassen.

Am meisten Verständnis für mich hatte übrigens der Automat, der genau zur richtigen Zeit kaputt gegangen war: nachdem ich ihn nämlich mit meinem Geldschein gefüttert hatte, spuckte er, zusammen mit der neuen Parkkarte, die gleiche Summe in Münzen wieder aus. Entweder dachte er ich wollte wechseln, oder er hatte den gleichen Gerechtigkeitssinn wie ich. Aber da ich schließlich nicht gefragt wurde was ich für mein Geld bekommen hatte, habe ich das wohlweislich nicht erwähnt. Immerhin hatte ich als Beweis für meine Bezahlung ja die neue Karte, die laut ihrer eigenen Aussage nicht benutzt war. Beweis ist nun mal Beweis.
Und ein schlechtes Gewissen hatte ich auch nicht, da ich weiß, dass der Automat wohl kaum einen seelischen Schaden bekommt wenn jemand ihm die Schuld in die Schuhe schiebt, obwohl er lediglich der Gerechtigkeit Genüge getan hatte.

Feiern in Bayern

Nachdem ich das Ende des Sommers hier in aller Pracht genießen durfte, wurde es am Samstag bereits wesentlich kühler und der Herbst klopfte an die Tür. Seit gestern kam noch der Regen dazu, und ich Frostbeule habe natürlich nicht die dicken Pullover mit, die ich bei 12 Grad bräuchte. Aber da ich morgen eh nachhause fahre ist das nicht allzu schlimm.
Dafür durfte ich gestern noch eine Geburtstagsfeier miterleben, von der ich annehme, dass sie nicht unbedingt typisch bayrisch war, denn wie Bayern feiern habe ich irgendwie anders in Erinnerung.

Samstagfrüh hieß es, 31 von 55 Personen hätten ihr Kommen zur Geburtstagsfeier des Hausherrn zugesagt. Allerdings erhöhte sich die Zahl bis Sonntagmittag schrittweise noch, so dass es letztendlich dann knapp 40 Personen waren die erschienen. Die bestellten Biertische hatten wir zwar ganz brav auf der Terrasse aufgebaut, aber da die nur teilweise überdacht ist, spielte sich fast alles dank des einsetzenden Nieselregens im Haus ab. Insbesondere im Wohnzimmer drängten sich die Gäste, die unbedingt ganz dicht am Ort des Geschehens sein wollten, so dass niemand mehr durchkam als alle Sitzplätze belegt waren. Auch bei den Stehplätze war umfallen kaum möglich.
Am meisten beeindruckte mich allerdings bereits im Vorfeld, dass die Einkaufsliste im Verhältnis zur Gästeliste so kurz war, dass ich damit, vom Kuchen abgesehen, nicht einmal im Traum an eine Feier gedacht hätte, aber das ging mich schließlich nichts an. Immerhin hatte der Hausherr nach seinen Aussagen Erfahrung damit, da es sich jedes Jahr ähnlich abspielte.

Bereits um 14 Uhr fanden sich viele helfende Hände ein für die letzten Vorbereitungen: zwei Torten mussten geschnitten werden, aus den 12 Stücken Pflaumenkuchen machten wir 24, Sahne wurde geschlagen und Kaffee gekocht. Offizieller Beginn war 15 Uhr, aber natürlich kamen die ersten Gäste bereits eine halbe Stunde früher, teilweise auch, um noch mitgebrachten Kuchen abzuliefern. Bei dem Ansturm dachte ich zeitweilig, ich wäre in einem Berliner Wahllokal mit Massenandrang. Zur Begrüßung gab es einen kleinen Schluck Sekt, und zunächst hielt der Hausherr eine Rede und erzählte von seinem zweiwöchigen Urlaub im Kloster Ettal. Dann gab es bis 20 Uhr ein volles Programm, welches nach seinen speziellen Wünschen zusammengestellt worden war:
die Geschichten, die vorgelesen wurden, hatte er ebenso ausgesucht wie die „Schnaderhüpferl“, welche eine Sängerin mit eigener Gitarrenbegleitung in bayrischer Mundart vortrug und bei der die meisten Gäste mitsingen sollten und teilweise auch konnten. Freundlicherweise hatte sie auch Kopien der Texte von den bestellten Liedern für alle parat, so dass ich mir im Nachhinein von zweien, die ich ziemlich grenzwertig fand, die ganze Sache ins Hochdeutsche übersetzen konnte, da ich zunächst dachte, ich hätte mich verhört.
Aber so ist das nun mal im Leben: es gibt tatsächlich Menschen die es total lustig finden wenn davon gesungen wird, dass ein Mann nur deswegen heiratet, damit die Frau ihm die im Suff vollgekackte Hose waschen kann. Ich fiel allerdings mal wieder aus dem Rahmen, denn ich konnte darüber nicht lachen, und einige andere auch nicht.

Die sechs Lesebeiträge stammten von unterschiedlichen Autoren, waren humorvoll bis ernst und wechselten sich ab mit den Gesangseinlagen. Zwischendurch mussten einige Gäste schon gehen, was ziemlich leise vor sich ging, damit der Programmablauf nicht gestört wurde. Als kurz vor 19 Uhr ungefähr noch 25 Personen anwesend waren, wurden vom Gastgeber unsere Suppen angeboten: Susanne hatte für 30 Personen Kürbissuppe gekocht und ich Lauchsuppe. Während wir Teller füllten und verteilten, damit niemand aufstehen brauchte, nutzten die noch Anwesenden die Gelegenheit, sich kurz zu unterhalten. Als Abschluss wurden danach noch drei Geschichten vorgelesen aus dem selbstgeschriebenen, autobiografischen Buch des Hausherrn. Kurz nach 20 Uhr verabschiedeten sich dann auch die letzten Gäste, und der Jubilar schaute auf einen kulturell vollgepackten Tag zurück und war sehr zufrieden mit allem.

Ich hingegen bin immer noch völlig fasziniert davon, mit welch wenigen Mitteln Gäste glücklich gemacht werden können:
außer dem Kaffee wurden an Getränken insgesamt nur eineinhalb Flaschen Sekt verbraucht, ein alkoholfreies Bier, ein Liter Saft und zwei Flaschen Wasser.
Woraus ich schließe, dass ich bisher wahrscheinlich der Kultur auf Geburtstagsfeiern zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Natur pur

20160914_115019Rein landschaftlich erinnert mich die Gegend rund um Prien mitunter ein wenig an die Schweiz. Die Berge, die hübschen Häuser und der Himmel, dessen Wolkenspiele mich immer wieder faszinieren.
Auch hier gibt es noch viel Landwirtschaft. Fast alles kann man, so der Wunsch besteht, direkt beim Bauern kaufen.
Einen ganz besonderen Hof lernte ich gleich zu Beginn kennen. Wir fuhren zu Martin Sichler, einem Demeter Bio-Gärtner. Nicht nur die riesige Auswahl von Obst und Gemüse erregte mein Interesse, sondern ich erfuhr viel über diesen speziellen Anbau, wurde auf dem Gelände herumgeführt und durfte von allen Dingen „probenaschen“. Das Preis-Leistungsverhältnis ist hervorragend, der Kunde wird wertgeschätzt, und alle Fragen werden kompetent und ausführlich beantwortet. Noch ist zwar auf dem riesigen Anwesen viel zu tun, weil am und im Haus viel aus- und umgebaut wird, aber ich verliebte mich so20160914_112520-1fort in einen großen, von oben bis unten verglasten Holzanbau, in dem sich früher ein Atelier befunden hat. Im Geist errichtete ich dort ein Cafe mit Bildern von unbekannten Künstlern, hielt Leseabende ab, veranstaltete Autorenkongresse und bot Workshops und Weiterbildungen im kreativen Bereich an. In dieser Ruhe und Abgeschiedenheit zu sich selbst zu finden und die eigenen Ressourcen zu erkennen und auszubauen, immer mit dem Blick in die Natur, stelle ich mir sehr inspirierend vor.
Die positive Energie, die bei diesem Besuch auf mich überstrahlte, kam aber nicht nur aus der Natur, sondern auch vom Inhaber dieses Hofes: ich merkte ihm bei jedem Wort an, wie sehr er mit allem verwurzelt ist und mit wie viel Liebe er seine Arbeit verrichtet.

Natürlich durfte auch eine Seilbahnfahrt auf die Kampenwand (1.669 M) nicht fehlen, wenn ich schon einmal hier war. Wieder wurde mir vor Augen geführt, wie schön die Natur ist, wenn ich genau hinschaue. Nicht nur außergewöhnliche Steinvariationen und viel Grün boten 20160915_115742sich mir, sondern auch viele Kühe kreuzten meinen Weg. Und ich begriff beim Anblick der in sich ruhenden Tiere, dass man zumindest hier zu Recht von glücklichen Kühen sprechen kann.
Ich lief natürlich wieder mehr, als ich mir eigentlich vorgenommen hatte, und mein Fitnessstudio wäre sicherlich glücklich, wenn es mich einmal so lange aktiv erleben würde. Allerdings klappte das nur, weil ich beim Hochlaufen immer einige kurze Pausen einlegte und ein wenig rumstöhnte, das brauche ich einfach. Nach einer Rast in der Steinlingalm suchten wir uns einen einsamen Platz, genossen die Ruhe und den Frieden, der sich uns bot, und irgendwie wurde ich ganz ehrfürchtig. Sehr lange dachte ich darüber nach, warum ich nicht viel früher in meinem Leben die vielen schönen Gegenden, die Deutschland zu bieten hat, bewusster wahrgenommen habe. Das, so nahm ich mir vor, würde ich in Zukunft ändern.

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Und als ich mich am letzten schönen Sommertag abends noch übte im

„Steckerlfisch-Essen“,

fühlte ich mich richtig heimisch.

 

 

©aller Fotos Inge Beer

Ausgesperrt

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Heute war es ein besonderer Tag. Der Hausherr, Herr S., wurde 87. Susanne arbeitet seit acht Monaten bei ihm als Gesellschafterin, indem sie für ihn einkauft, kocht, ihm vorliest und ihn zu kulturellen Anlässen fährt, da er kaum noch etwas sehen kann. Trotz seiner Behinderung  arbeitet er noch in seinem Büro, welches sich ebenfalls im Haus befindet. Dafür gibt es anderes Personal, ebenso für die Putzarbeiten.
Die eigentliche Geburtstagsfeier findet zwar erst am kommenden Sonntag statt, aber natürlich bekam der Jubilar seine Glückwünsche und die Geschenke von uns bereits zum Frühstück. Sogar eine Flasche Champagner wurde auf seinen Wunsch hin geöffnet, und  nachdem ich mit dem Zaumpfahl winkte und ihm erklärte, dass das neue Lebensjahr nur dann gut wird wenn er mit anderen darauf anstößt, bekamen wir auch einen Schluck davon ab.
Das Wetter war traumhaft, die Sonne strahlte, als ob sie dafür bezahlt würde. Gegen Mittag hatte Herr S. einen Termin beim Notar, er ließ sein Testament aufsetzen. Susanne hatte auch einen Termin, aber beide wollten um 17 Uhr wieder zurück sein.
Ich hatte also Zeit und Muße, am Computer an meinen Blogbeiträgen zu arbeiten. Um 15 Uhr klingelte es. Nachdem ich die ganze Sache dreimal ignorierte und ein klein wenig Ruhe war, begann es erneut. In der Annahme, es könnte ja vielleicht die Fleurop sein die etwas abgeben möchte, begab ich mich ins Erdgeschoss.
Dort ließ ich die Wohnungstür sperrangelweit offen stehen und ging durch den kleinen Vorflur zur eigentlichen Eingangstür. Vor dem Haus stand ein Gratulant, welcher der Meinung war, er wäre zu heute zu 15 Uhr eingeladen. Und während ich mit ihm darüber diskutierte, dass dies eigentlich nur ein Irrtum sein könne, gab es plötzlich einen Knall, und die Wohnungstür hinter mir schlug zu.

Da stand ich nun im Vorflur, kam nicht mehr in die Wohnung, hatte weder Handy noch Geld dabei  und die Telefonnummer von Susanne war auf dem Handy abgespeichert. Immerhin borgte mir der verhinderte Geburtstagsgast fünf Euro und gab mir den Ratschlag, mir die zwei Stunden Zeit mit Kaffeetrinken totzuschlagen. Also klemmte ich ein kleines Holzstück in die Haustür, damit ich wenigstens wieder in den Vorflur kam.
Dann ging ich Eis essen, und während ich ganz versonnen auf der Bank saß, setzte sich eine Dame in meinem Alter zu mir an den Tisch. Eine ganze Weile schwiegen wir vor uns hin, dann sprach sie mich an. Elfie, so hieß sie, kommt aus der Kunst und Kulturszene, hat eine Galerie, und Berlin ist ihr nicht fremd. Ihren Traum, einen eigenen Film zu drehen, hat sie noch nicht begraben. Ich erzählte von meinen Granny Aupair Einsätzen, und alles in allem war es ein sehr bereicherndes Gespräch für uns beide. Um fünf Uhr tauschten wir unsere Daten aus und trennten uns mit dem gegenseitigen Versprechen, im Kontakt zu bleiben.

Ich stellte mich in den Vorflur, und drei Minuten später kam zunächst Herr S. nach Hause. Er stutzte als er das Holzstück in der Tür und mich im Flur bemerkte, und ich erklärte ich ihm mein Missgeschick. Und warum sind sie nicht reingegangen? fragte er, griff  nach links an die Wand und drückte auf etwas, was wie ein Lichtschalter aussah. Es ertönte das Geräusch eines Summers, und die Wohnungstür ließ sich problemlos öffnen!!!

Keine viertel Stunde später wollte er mit Susanne und mir an den Bärsee, ein wenig spazieren gehen. Dorthin würde er seit sechs Jahren jedes Jahr an seinem Geburtstag fahren. Wir stiegen also ins Auto, um nach einer halben Stunde am Ziel zu erfahren, worin  der Spaziergang  bestand: der gesamte See müsse umrundet werden, das hätte er immer so gemacht! Tradition! Würde schließlich nur so circa zwei Stunden dauern.
Das wäre eigentlich nicht weiter schlimm gewesen, hätte ich es vorher gewusst. So hatte ich natürlich nicht das passende Schuhwerk an für eine längere Wanderung, und ich war froh und dankbar, dass mir meine Füße mit den Sommerlatschen keinen Strich durch die Rechnung machten. Nach gut sechs oder sieben Kilometern durch Wald und Sumpfgebiet, mit teilweise extremen Steigungen, waren wir dann fast am Ausgangspunkt wieder angelangt und standen vor dem Cafe Pauli. Hier, so erklärte er uns, wäre er zum Schluss immer noch eingekehrt, weil das ein ganz bekanntes Cafe sei.

Woraufhin ich mir nicht verkneifen konnte ihm zu sagen, dann dürfe er die Tradition nicht brechen. Das schien ihm einzuleuchten, und zu Susannes großem Erstaunen bezahlte er unser Getränk auch mit. Das war ihr bisher noch nie passiert.
Insgesamt gesehen war es dann doch noch ein schöner Ausklang des Tages. Leider konnte ihm die Bedienung nicht seinen Wunsch erfüllen, ihm den Rest seines Bierglases in einer Flasche mitzugeben, und so musste er denn doch alles austrinken, obwohl es ihm eigentlich zu viel war.
Aber das hat er wohl schon wieder vergessen, denn er erzählt allen von dem schönen Geburtstag und dem netten Ausklang im Cafe Pauli.

©der Fotos Inge Beer

 

Deutsche Bahn – ein Erlebnis für sich

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Wie immer, wenn ich verreise, schlief ich auch dieses Mal in der Nacht davor furchtbar schlecht. Je älter ich werde, desto schlimmer wird das. Zumindest dann, wenn ich nicht mit dem Auto fahre. Und da meine Wahl für den Kurzurlaub auf die Bahn gefallen war, waren es so in etwa dreieinhalb Stunden bis ich endgültig wieder aufstand, um mich zum Bahnhof zu begeben.
In Spandau stieg ich in den IC, in Hannover würde ich 10 Minuten zum umsteigen haben, um dann, wieder mit einem IC, durchzufahren bis nach Prien. So sah es mein Sparticket vor. Susanne, meine „Granny-Freundin“, freute sich schon auf die Woche und ich auch, denn wir hatten uns viel zu erzählen. Der Zug fuhr zu meiner großen Freude pünktlich ab, und mein Abteil teilte ich mit einer Familie, die nach einem Konzert zurück auf den Weg nach Augsburg war: die jungen Eltern, die dazugehörige Großmutter, und als Hauptperson ein eineinhalbjähriger süßer kleiner Junge, der mit seinem Charme jeden um den Finger wickelte durch sein freundliches, strahlendes Lächeln.  Ich teilte mit ihm meine Brezeln sowie meine Gurken, und wir Erwachsenen hatten sehr schöne Gespräche über Berlin vor und nach der Wiedervereinigung. Irgendwie freute ich mich darüber, dass auch junge Menschen sich dafür interessierten, wie unterschiedlich das Leben in Berlin während der Zeit der Mauer auf beiden Seiten ablief. Außerdem hätte laut Meinung der Großmutter in Bayern auch heute noch kaum jemand eine Ahnung davon, wie es damals in der Realität aussah.
So ganz nebenbei bemerkte ich, dass die Fenster des Zuges vor Dreck starrten und auch sonst alles schon recht betagt aussah, im Abteil ebenso wie in den Toiletten. Irgendwie verglich ich das in Gedanken mit einem der  Altenheime, in welchem die Menschen trotz der hohen Preise lediglich notdürftig versorgt werden, weil sie schon abgeschrieben sind. Wahrscheinlich stand dieses Bahn-Modell bereits kurz vor der Rente oder bekam sogar schon das Gnadenbrot.

Die Zeit verging wie im Flug, und als wir in Hannover ankamen wurde uns erst durch die Ansage klar, dass unser Zug 10 Minuten Verspätung hatte. Mein Anschlusszug war weg nachdem ich von Bahnsteig 11 zum Bahnsteig 3 gehechelt war, und ich reihte mich am Informationsschalter ein um meine Zugbindung aufheben zu lassen. Der neue Fahrplan sah dann so aus: Von Hannover mit dem ICE nach Würzburg, vier  Minuten zum umsteigen, von Würzburg mit dem ICE nach München, 18 Minuten zum umsteigen, dann mit einer Kleinbahn nach Prien – insgesamt würde ich sogar noch neun Minuten eher am Ziel sein. Na bitte, das nenne ich Service.
Der ICE war dann auch um einiges komfortabler, und die Bahn hatte, wie auch die Berliner Freibäder, dem verlängerten Sommer Rechnung getragen: die Klimaanlage arbeitete auf höchster Stufe, und meine leichte Jacke lag leider im Koffer, so dass ich still vor mich hin fror. Trotz fehlender Platzkarte hatte ich einen schönen Sitz an einem Tisch, und mein Gegenüber, ein älterer Herr in meinem Alter, gab mir bereitwillig einen Einblick in sein Leben, ohne dass ich ihn darum bitten musste. Noch mehr als seine ausfürliche Krankengeschichte beeindruckte mich allerdings, dass er bereits seit 45 Jahren jedes Jahr zweimal nach Bad Füssing zur Kur fährt für drei Wochen, wegen seines Rheumas, denn das Wasser dort sei das einzige was dagegen hilft!
Nachdem der Zug bereits eine Weile unterwegs war, machte sich mein Handy mit einer neuen Nachricht bemerkbar: Die Bahn teilte mir per Mail mit, dass mein Zug in Hannover wohl Verspätung haben würde, und schickte mir einen Alternativvorschlag zur Weiterfahrt. Merkwürdigerweise war diese Mail bereits um 7.37 Uhr geschrieben worden, also 22 Minuten nach der pünktlichen Abfahrt in Spandau. Ein Zeichen dafür, dass die DB ihre Züge scheinbar genau kennt. Da ich allerdings nun nicht weiß, wer für die dreistündige, verspätete Zustellung dieser doch nicht unbedeutenden Mitteilung verantwortlich ist, werde ich wohl in einem Leserbrief bei Herrn Internet nachfragen müssen.

In Würzburg erfuhr ich dann, dass wir fünf Minuten Verspätung hatten, aber da mein Anschlusszug genau auf dem Nebengleis abfuhr und auf uns wartete, (die ICEs untereinander  scheinen noch eine Familientradition aufrecht zu erhalten), brauchte ich nur aus und auf der anderen Seite wieder einzusteigen, und schon ging es weiter. In München kamen wir ohne Verspätung an, so dass mir gerade noch genügend Zeit blieb, mir im Service Center die 4,50 Euro für meine Platzkarte zurückzuholen. So viel habe ich nämlich bereits gelernt bei der Bahn: fällt ein Anschlusszug aus, für den man auch eine Platzkarte hat, bekommt man das ganze Geld dafür zurück.

Also eigentlich kann ich ja ganz zufrieden sein: ich musste zwar zweimal mehr umsteigen, war aber trotzdem komfortabler und schneller am Ziel und bekam noch Geld zurück, was ich jetzt sinnlos verprassen kann. Es verspricht also eine wundervolle Woche zu werden.

©des Fotos Inge Beer

Wieder daheim – Fortsetzung

Fast vier Wochen sind seit dem letzten Beitrag vergangen, aber das hat seinen Grund. Die Zeit war irgendwie schneller als ich und brachte meine Prioritätenliste nach meiner Rückkehr aus Madrid arg durcheinander.

Meine Wohnung hatte mir mein insgesamt langes Ausbleiben scheinbar immer noch nicht verziehen, denn so ganz problemlos verlief die erneute „Eingewöhnungsphase“ zuhause nicht. Als mein AB mir verkündete, ich solle zurückrufen wegen eines Liefertermines für meinen Kühlschrank, war ich zunächst sehr glücklich. Das hört man doch gern, wenn die Lieferzeit sich von sechs Wochen auf zwei reduziert. Allerdings klappte das mit dem Anrufen am nächsten Tag nicht richtig, weil ich entweder nicht durchkam oder niemand ans Telefon ging. Erst als ich persönlich im Geschäft vorbeischaute wusste ich warum:
Es war der erste Tag des Insolvenzverkaufs und die Leute standen Schlange.
Ich kam natürlich aus dem Mustopf, denn durch mein langes Wegbleiben hatte ich das, was bereits Ende April in der Zeitung stand, gar nicht mitbekommen, nämlich das die Firma Insolvenz angemeldet hatte. Hätte ich es gewusst, hätte ich ihn dort in meiner kurzen Berliner Anwesenheit zwischen der Schweiz und Madrid gar nicht gekauft, denn die Bedeutung einer Insolvenz ist mir durchaus bekannt. Insofern war mein erster Gedanke: Wie gut, dass ich Zahlung bei Lieferung vereinbart und keine Anzahlung gemacht habe.

Der Termin wurde im Computer abgespeichert, und das Angebot, das Gerät gleich jetzt zu bezahlen, lehnte ich dankend ab. Wie umsichtig das war merkte ich, als das ersehnte Stück ankam: der Kühlschrank wurde gar nicht erst ausgepackt geschweige denn eingebaut, denn er passte nicht. Also wieder hinfahren, den Kaufvertrat stornieren lassen, und wieder auf Kühlschranksuche gehen. Irgendwann fiel mir tatsächlich ein, doch mal dort nachzufragen, wo ich vor 18 Jahren meine Küche gekauft hatte. Die Firma heißt zwar inzwischen anders, aber ich wurde fündig. War zwar kein Markengerät, aber nach Auskunft des Verkäufers würde es zu 99,9% passen.
Weitere vier Tage später nahm ich meinen neuen Kühlschrank in Betrieb. Der Monteur  meinte beim Abschied, ich dürfe ihn erst in zwei Stunden anschalten, allerdings war ich inzwischen vorsichtig geworden und richtete mich lieber nach der Gebrauchsanweisung. Dort stand nämlich etwas von 12 Stunden. Der Kühlschrank schien sich zu freuen und dankt es mir dadurch, dass er so leise arbeitet, als sei er gar nicht in Betrieb.

Ein neuer Wasserhahn im Bad für die Waschmaschine verstärkte dann mein Glücksgefühl, allerdings nur genau zwei Tage. Die Maschine schien nämlich mit dem neuen Hahn nach einer kurzen Probezeit keine Kooperation eingehen zu wollen – sie trat in den Streik und setze meinen Flur unter Wasser. Also musste eine neue Waschmaschine her, und zwar innerhalb kürzester Zeit. Das schwierigste daran war, dass ich,  weil ich das Gerät damals millimetergenau eingebaut hatte, zum Ausbauen eine Schranktür abmontieren musste. In solchen Situationen wird mir immer sehr deutlich, dass das Alleinleben mitunter auch gravierende Nachteile hat. Der Lieferservice versprach zwar einen Ab- und Aufbau der Maschinen, aber ich wagte zu bezweifeln, dass die Monteure auch noch die Schranktür abbauen würden. Ganz davon abgesehen musste ja auch das Brett durchtrocknen, auf dem die alte Maschine noch dick und behäbig stand.

Also blieb mit nichts anderes übrig, als mit meinen 1,58m die 2,50m hohe Schranktür allein abzubauen, die Maschine aus der Nische zu wuchten und sie draußen auf dem Flur mit einem freundlichen Schreiben für die Nachbarn zwischenzuparken. Fragt mich lieber nicht wie lange ich dafür brauchte und wie oft ich vor mich hin geflucht habe, aber letztendlich war es geschafft. Dafür waren dann die beiden jungen Monteure, welche die neue Maschine brachten und anschlossen, so reizend, dass sie mir kostenlos sogar noch von sich aus einen neuen Verbindungsschlauch anbrachten weil sie meinten, der alte wäre eine tickende Zeitbombe. Sofort setzte bei mir wieder ein Glücksgefühl ein, denn als selbstverständlich sehe ich so etwas nicht an.

Und weil derzeit die wichtigsten Geräte wieder funktionieren, liebäugele ich jetzt mit neuen Schranktüren, obwohl die (noch) nicht kaputt sind. Aber es könnte ja sein, dass der Wäschetrockner darüber nachdenkt auch seinen Geist aufzugeben, und der steht ebenfalls im Schrank. Nur bei dem läge das Problem nicht an den Türen, sondern, viel schlimmer, an dem komplizierten Stromanschluss, aber das wäre eine andere Geschichte.