Archiv der Kategorie: Granny Berichte

El Escorial

Das Ziel meines Sonntagsausflugs lag knapp 50 km von Madrid entfernt. Ich fuhr nach San Lorenzo de El Escorial, um mir die dortige Kloster- und Schlossanlage anzuschauen. Erbaut wurde sie von Philipp II. von Spanien, nachdem er 1557 den französischen König Heinrich II. besiegt und geschworen hatte, als Dank ein Kloster zu errichten.

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von Turismo Madrid Consorcio Turístico from Madrid, España (Monasterio Escorial Uploaded by Ecemaml) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons
Der Baubeginn war am 23. April 1563, und weil ich selbst alles gar nicht auf ein Foto bekam, habe ich ausnahmsweise einmal auf ein Foto aus dem Internet zurückgegriffen, damit ihr in etwa eine optische Dimension des Ganzen habt. Das Schloss ist der größte Renaissancebau der Welt und wurde von Juan Bautista de Toledo entworfen, einem Schüler von Michelangelo. Es ist 207 Meter lang und 161 Meter breit, hat 2.000 Gemächer, 3.000 Türen, 2.673 Fenster, 16 Höfe, 12 Kreuzgänge, 88 Brunnen und 86 Treppenaufgänge. Insgesamt gehören zum Gebäudekomplex eine Kirche, ein Kloster, der eigentliche Königspalast, eine Schule und eine Bibliothek. 70 Jahre nach der Fertigstellung wurde der Bau erweitert um eine barocke Gruft, in welcher fast alle spanischen Könige von Karl I. bis Alfons XIII. bestattet wurden, und die auch einen eigenen Raum hat  für die Königskinder, die vor Beginn der Pubertät  verstarben. (Wobei die Anordnung der Gräber für die Kinder auf den ersten Blick für mich wie eine riesige, mehrstöckige  Torte aussieht).
Ich lief insgesamt gut drei Stunden mit meinem Audio Führer treppauf und treppab und war nach Beendigung der Tour ziemlich erledigt, aber ich habe es nicht bereut. Es war eine der besten Besichtigungen, die ich während meiner Zeit hier in Madrid gemacht habe, und das Ergebnis hält bis heute an.
Allerdings kam ich anfangs beim ersten Anblick des Gesamtkomplexes ins grübeln. Mir fielen die 20 Jahre für das Gemälde im Königsschloss ein, die Kathedrale, die vom Baubeginn bis zur Fertigstellung weit über 150 Jahre brauchte und gegen die der BER geradezu eine Meisterleistung ist hinsichtlich der Schnelligkeit. Wie lange mochte das hier wohl gedauert haben? Ich schätze die Bauzeit auf mindestens 80-90 Jahre, zumal im Jahr 1563 noch niemand die Hilfsmittel zum bauen hatte wie in der heutigen Zeit.
Das Ergebnis war dann allerdings schockierend für mich und gibt mir zu denken. Nicht  wegen meiner Fähigkeit beim schätzen, (da war ich noch nie richtig gut), sondern wegen der Bauzeit.
Dieser riesige Komplex in seiner einzigartigen Schönheit war am 13. September 1584 fertig, also nach lediglich 21,5 Jahren seit dem ersten Spatenstich. Ich kann es immer noch nicht glauben, aber egal wie oft und wo ich nachschaue, es ändert nichts am Ergebnis.

Bleibt natürlich für mich nach wie vor die Frage offen, was wir denn in der heutigen Zeit so falsch machen beim Bauen, das wir nicht das zustande bekommen, was bereits 1563 möglich war?

© der Fotos: Inge Beer

City Tour – Hop On, Hop Off

Freitag, Samstag, Sonntag – drei Tage lang Zeit, mir Madrid ein wenig intensiver anzuschauen. Allerdings wollte ich mir bei über 40 Grad Hitze nicht zu viel Pflastertreten zumuten und suchte nach Lösungen, die für mich maßgeschneidert waren. Nach der Recherche im Internet machte ich es mir relativ einfach, und kaufte mir am Freitag ein Ticket für eine City Tour. Gültig für zwei Tage und für Rentner mit 13 Euro äußerst preiswert. Das Schöne daran ist, man kann so oft man möchte aussteigen und mit dem nächsten Bus weiterfahren, sie halten im 10 Minuten Takt. Tour 1 geht 1,5 Stunden durch das historische Madrid, Tour 2 eine Stunde durch den neueren Teil. Die Kopfhörer erklären in der Wunschsprache die jeweiligen Sehenswürdigkeiten. Man nimmt sie mit beim aussteigen um sie bei Bedarf jederzeit wieder zu benutzen. Wie oft die Touren abgefahren werden ist völlig egal, die Busse fahren bis 22 Uhr.
Ich fuhr Freitag zunächst die historische Strecke ab und merkte mir die Sehenswürdigkeiten, die ich mir unbedingt anschauen wollte. Am Samstag war dann die Tour 2 an der Reihe, ich ließ mir auf dem Oberdeck durch den Wind meinen schönen neuen Sonnenhut wegwehen, und begann danach meine Besichtigungen.
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Allein für den Königspalast benötigte ich über zwei Stunden. Der Audio Führer war sehr gut, er führte mich fast von allein durch das Schloss und erklärte mir optisch sowie in deutscher Sprache alles bis ins Detail. Gleich am Anfang belustigte mich die Geschichte des 12 Quadratmeter großen Gemäldes der Königsfamilie. Es wurde bereits Anfang der neunziger Jahre bei dem Künstler Antonio Lopez in Auftrag gegeben. Woran immer es lag, Tatsache ist, dass es erst 20 Jahre später fertig wurde zu einem Zeitpunkt, als Juan Carlos I seine Krone bereits an seinen Sohn Felipe abgegeben hatte. (2014) Insofern musste dann auch der geplante Titel Die königliche Familie umgeändert werden in Portrait der Familie von Juan Carlos I. Diese enorm schnelle Arbeitsweise ließ mich denn auch für den BER Flughafen hoffen, immerhin ist der noch nicht einmal fünf Jahre im Rückstand!

Nach einer kurzen Kaffeepause ging es weiter in die Almudena-Kathedrale. Sie liegt dem Schloss genau gegenüber, ist ein ebenso imposantes Gebäude und in ihr herrscht, im Gegensatz zum Schloss, kein Fotoverbot.
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Auch hier wurde nicht allzu schnell gearbeitet. Die ersten Pläne existierten bereits im 16. Jahrhundert. Der Baubeginn lag allerdings nicht vor dem 19. Jahrhundert, und erst 1993 war dann endlich alles fertig. Begonnen hatte man im neugotischen Stil, aber letztendlich endete es im Stil des Neoklassizismus, um sich rein äußerlich dem Königspalast anzupassen.

Danach war ich dann froh, wieder im Bus zu sitzen und mir noch einige andere imposanten Gebäude der Stadt anzuschauen. Es waren zwei sehr informative Tage. Schön, aber anstrengend, und deshalb sah mein Plan für den Sonntag vor, nur eine Sache in Angriff zu nehmen, aber das ist eine andere Geschichte.

© aller Fotos: Inge Beer

Ab ans Meer

Der Plan sah in der Theorie folgendes vor: wir fahren mit dem geborgten Auto von Anas Bruder, (Anas Auto hatten sie kurz vor meiner Ankunft gestohlen), zu ihrer Freundin Patricia, lassen den Alfa Romeo dort stehen, steigen in Patricias Van um, packen ihren drei Jahre alten Mischlingshund Bimbo hinten ins Auto und fahren Richtung Comillas. Der Ort liegt im Norden Spaniens, ca. 400 km von Madrid entfernt, und Ana hat dort noch ein Ferienhaus. Die Praxis bereitete uns allerdings dann ein wenig Kopfzerbrechen. Während wir auf dem Weg zu Patricia dank des Wochenendverkehrs alle Staus mitnahmen die wir nur bekommen konnten, erfuhren wir, dass ihr Van ein Geräusch von sich gab, was eine so lange Fahrt unmöglich machte. Also hielten wir erst einmal einen „Kriegsrat“ ab und kamen letztendlich zu dem Entschluss, dass wir mit dem kleinen Auto fahren würden. Patricia als fünfte Person war kein Problem, lediglich der Hund stellte zunächst eins dar, denn der Kofferraum war schon voll mit dem Gepäck. Dazu muss man wissen, dass Bimbo scheinbar vor hatte, als Pony zur Welt zu kommen, bis er sich im letzten Moment entschloss, doch als Hund geboren zu werden. Bimbo wurde also an die Füße der hinten Sitzenden verfrachtet, und irgendwie war ich froh, dass ich vorn saß. Wobei es für ihn kein Problem zu sein schien, denn er war so brav, wie ich noch nie einen Hund erlebt habe.
20160722_171032-1Nach fünf Stunden waren wir dann am Ziel, und ich betrat ein Haus, welches mit seinen großen Fensterfronten einen traumhaften Blick nach allen Himmelsrichtungen bot. Natur pur. Es steht sozusagen in einem Nebendorf von Comillas, und wenn viele Menschen dort leben, dann vielleicht 100. (Wobei höchstens drei gleichzeitig zu sehen sind). Samstag fuhren wir zum Meer, zum Mar Cantabrico. Nach 10 Minuten lagen wir am Playa de Gerra in der Sonne, und da es im Norden vom Spanien nicht so extrem heiß war wie in Madrid, war es gerade die richtig Temperatur zum baden. Ganz davon abgesehen, dass wir, zumindest am Samstag noch, den Strand fast für uns allein hatten.
Bimbo wurde fortan im Kofferraum transportiert, und wir fanden während unseres Kurzurlaubes sogar einen eigenen Hundestrand. Am Sonntagabend  wurde Mateo leider krank und kämpfte mit einer Magen und Darmgrippe, so dass am Montag das Schwimmen entfiel und der Tag den Spaziergängen in die Umgebung gewidmet war.

Insgesamt gesehen ein super schönes Wochenende, und auf der Fahrt habe ich viel vom Land gesehen. Spanien gefällt mir immer besser, und es ist bei weitem schöner, mit Einheimischen unterwegs zu sein und viel über das Land und die dort lebenden Menschen zu erfahren, als irgendwo als Tourist allein auf sich und den Reiseführer gestellt zu ein.

Montagabend waren wir wieder daheim, und der einzige bittere Nachgeschmack ereilte uns am nächsten Tag: Wir mussten das Auto von den Hundehaaren befreien, da Ana es am Donnerstag ihrem Bruder zurückgeben musste. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele Hundehaare im Auto gesehen. Sie klebten überall wie die Pest und trotzten dem Staubsauger ebenso wie nassen Lappen.
Eigentlich hätte Bimbo gar keine Haare mehr haben dürfen, aber wie das so ist im Leben: in seinem Fell zeigten sich keinerlei Lücken. Letztendlich gelang es nur mit drei Rollen Klebeband, mühsam ein Stück Polster nach dem anderen wieder sauber zu bekommen, was natürlich bei 40 Grad Hitze nicht gerade ein Vergnügen war, uns aber trotzdem nicht die schöne Erinnerung verderben konnte.

© aller Fotos: Inge Beer

Rentnerfreundliches Madrid

 

Nachdem ich in der Schweiz irgendwie die Sonne vermisst habe, und auch die zwei Wochen in Berlin das Wetter sich nicht gerade überschlagen hat damit, mein Herz zu erfreuen, bin ich also nun in Spanien. Um ganz genau zu sein in Madrid, und auch nur für knapp 2,5 Wochen. In der Mission: halb Granny, halb Urlaub. Wenn ich ganz genau bin ist es eigentlich mehr Urlaub, denn ich habe sehr viel Zeit für mich. Ich wohne hier bei Ana und ihren sechs und acht Jahre alten Söhnen Mateo und Yago, in einer wunderschönen Eigentumswohnung mit einem großen Garten und einem Gemeinschaftsswimmingpool mit Meerwasser. Und auch hier wurde ich so nett aufgenommen, als gehöre ich schon immer dazu.
Sonne brauche ich hier nicht zu suchen, sie verfolgt mich ganz von allein von morgens bis abends. Inzwischen habe ich mich auch daran gewöhnt und genieße es. (Immer wenn ich anfangen will zu stöhnen dass es zu heiß sei, rufe ich mir den Schweizer sowie den Berliner Regen ins Gedächtnis und komme zu dem Ergebnis, dass ich die Sonne genieße). Trotzdem musste ich mich an 35 Grad und mehr täglich erst gewöhnen.

20160720_151829Der erste Eindruck von Madrid war ausgesprochen positiv. Außerdem erfreute Spanien mein Herz sofort damit, dass es viel für Rentner übrig hat. Eine Monatskarte für Bus, U-Bahn und Züge für sämtliche Regionen in und um Madrid herum kostet bis 64 Jahre 99,90 Euro, und ab 65 Jahre sage und schreibe nur 12,30 Euro. Zunächst dachte ich, ich hätte mich verhört, ist aber tatsächlich so. War allerdings ein wenig umständlich bis ich die Karte hatte. Der „normale“ Schalter hatte bereits geschlossen, aber irgendwie hatte ich mir in den Kopf gesetzt, sie auf der Stelle haben zu wollen, denn Ana wohnt ein wenig außerhalb Madrids. Also musste ich letztendlich einen jungen Spanier überzeugen mir zu helfen, der natürlich weder Deutsch noch Englisch konnte und eigentlich nur für die Einweisung der Busse auf dem Busbahnhof zuständig war. Aber nett und hilfsbereit, wie die Spanier sind, ließ ich ihn letztendlich auf dem Handy von Ana anrufen damit sie ihm genau erklären konnte, was ich wollte. Ich bekam eine Adresse und einen Termin, er gab meine Daten durch, und Ana hat mich dann noch einmal quer durch Madrid gefahren, um an einer Art Spätschalter in einem Tabakladen die Karte machen zu lassen. Tja, und nun habe ich einen sieben Jahre gültige Monatskarte mit Foto zum Spottpreis.
Was bedeutet, wenn ich mal wieder nach Madrid komme, lade ich mir ganz schnell am Automaten 12,30 Euro für den laufenden Monat auf die Karte und gondel wieder stundenlang durch die Gegend. (Das allein wäre schon ein Grund, noch mal wiederzukommen). Nicht nur am Preis kann sich Deutschland da ein Beispiel nehmen, sondern auch an der Tatsache, dass man nur die Monate auflädt die man auch fährt und nicht wie in Berlin, wo man ein Abo abschließen muss was nur jährlich zu kündigen geht.

Und seitdem nutze ich meine freie Zeit, (und davon habe ich viel), um mir Madrid anzuschauen. Natürlich musste ich auch mit der Gondel einmal 12 Minuten über die Stadt „gleiten“ und wieder zurück, was mir einen traumhaften Blick bescherte. Morgen, am Freitag geht es bis Montagnachmittag nach Santander, in den Norden von Spanien, ans Meer. Ganz genau nach Comillas, in das Ferienhaus von Ana. Da ist es derzeit nur zwischen 23 und 27 Grad warm, also wieder eine Temperaturumstellung, aber auf die Art sehe ich einiges von dem Land. Und einige Tage aufs Internet kann ich auch verzichten, da wir dort keinen Internetanschluss haben.
Was für euch natürlich bedeutet, dass hier vor Mitte nächster Woche nichts Neues steht….

© aller Fotos: Inge Beer

Wieder daheim

So, seit ein paar Tagen bin ich wieder zuhause. In Berlin. Den letzten Abend hatte meine Gastfamilie sehr schön gestaltet:  Es wurde gegrillt im Garten, zum Glück ohne Regen, auf meinem Platz standen viele Abschiedsgeschenke, und die Kinder hatten mir jeder einen Brief geschrieben. Irgendwie musste ich ein wenig mit den Tränen kämpfen, immerhin war ich ziemlich „zusammengewachsen“ mit allen in den knapp drei Monaten. Ich kenne die Sorgen der Familie ebenso wie die Zukunftsträume, und ich werde die vielen philosophischen Gespräche und Diskussionen vermissen, auch wenn ich sicher bin, dass wir im Kontakt bleiben. Und ich möchte an dieser Stelle noch einmal danke sagen dafür, dass ich mich wie ein vollwertiges Famileinmitglied gefühlt habe.

Tja, und in Berlin stand schon der ganz alltägliche Alltagswahnsinn und wartete auf mich. Allerdings, und das muss man ihm zu Gute halten, dosierte er seine Überraschungen und verteilte sie auf verschiedene Tage. Das finde ich schon mal anständig, wahrscheinlich weiß er, dass ältere Menschen zu viel auf einmal schwerer verkraften.
Am ersten Tag fielen das Telefon und das Internet aus, Kabel Deutschland hatte sich mal wieder übernommen. Die Waschmaschine trat auch in den Streik, nach drei Monaten Ruhepause zog sie kein Wasser mehr. Wahrscheinlich war sie sauer, weil ich das Wasser für die Zeit ganz abgestellt hatte. Nachdem der Hausmeister freundlicherweise den Wasserhahn auseinandernahm, ging zum Glück wieder alles. Dafür merkte ich dann am nächsten Tag, dass mein Kühlschrank laut Geräusch zwar ordentlich arbeitet, allerdings kaum noch kühlt. Das finde ich ja eigentlich ziemlich dreist, immerhin ist er erst 18 Jahre alt. Es kostete mich einen ganzen Tag herauszufinden, dass es ein Modell in der Art für meine individuelle Einbauküche nur noch von einer Marke gibt, und da beträgt die Lieferzeit durch eine lange Warteliste gut sechs Wochen. Immerhin weiß ich dadurch, dass es noch mehr Menschen gibt, die den gleichen Kühlschrank benötigen wie ich.
Mein Staubsauger schien etwas mitbekommen zu haben, denn noch einen Tag später gab auch er seinen  Geist auf. Allerdings war der schon ein wenig älter, ich glaube so an die dreißig. Na ja, und ein neuer hatte auch keine lange Lieferzeit, ich konnte ihn gleich mit nachhause nehmen.
Somit, dachte ich, hätte ich jetzt Ruhe, immerhin waren das ja schon drei Dinge hintereinander, wenn ich den Ausfall von Kabel Deutschland großzügigerweise nicht mitzähle. Aber man kann sich scheinbar auf nichts mehr verlassen, nicht mal auf solche „Volksweisheiten“, denn heute gingen die beiden Jalousien kaputt als ich im Schlafzimmer Fenster putzte.
Deshalb ist es vielleicht ganz gut, wenn ich in sieben Tagen nochmal für zwei Wochen mein Zuhause verlasse um in Spanien die Sonne zu tanken, die ich in der Schweiz vermisst habe.
Und eines weiß ich sicher: für die Zeit wird weder das Wasser ab- noch der Kühlschrank ausgestellt, damit meine Wohnung sich nicht wieder an mir rächt…..

Ich halte euch auf dem Laufenden.

Endspurt

Meine Zeit in der Schweiz neigt sich langsam dem Ende entgegen, und in den knapp drei Monaten habe ich natürlich etliche Erfahrungen gemacht.

Als erstes habe ich mein Vorurteil gegen die Schweiz ad acta gelegt, obwohl ich gar nicht recht weiß, warum ich überhaupt eins hatte. Wahrscheinlich weil ich nur ans Bergsteigen dachte, dem ich nicht unbedingt sehr viel abgewinnen kann. Die Meinung einer Bekannten aus meinem Haus, das die Schweizer besondere Menschen seien mit denen man nur schwer warm wird, kann ich nicht bestätigen. Ich habe nur nette, aufgeschlossene Menschen kennengelernt, die zu ihrer Meinung stehen und stolz auf ihr Land sind. Die Worte bitte und danke sind keine Fremdworte, weder für die Kinder noch für die Erwachsenen, das Verkaufspersonal in den Läden ist überall feundlich und hilfsbereit, es wird von Seiten der Schule sowie der Eltern sehr darauf geachtet, den Kindern noch Werte zu vermitteln, und in den kleineren Orten grüßen sich sogar Fremde.

Unabhängig davon ist die Schweiz eins der saubersten Länder, die ich je kennengelernt habe. An jeder Ecke gibt es einen Papierkorb für die Hinterlassenschaften der Vierbeiner, natürlich mit den dazugehörigen Tüten. Verliert man etwas kann man darauf hoffen, es zu 90% zurückzubekommen, und optisch gesehen ist die Schweiz für mich eine Bilderbuchlandschaft. Überall Berge, dazwischen Häuseransammlungen, und der Himmel spiegelt die Stimmung des Wetters wider.

Dafür, dass es ein hundsmiserabler Sommer ist und ich die wirklich schönen Sonnentage an einer Hand abzählen kann, können die Schweizer nichts, der Klimawandel sollte der gesamten Menschheit zu denken geben. Meine Gastfamilie ist super, ich habe mich angenommen gefühlt als ob ich tatsächlich zur Familie gehöre, alles lief auf gleicher Augenhöhe ab und mir wurde viel Wertschätzung entgegengebracht. Die Arbeit mit den Kindern hat ebenfalls viel Spaß gemacht, und ich habe so viele Dinge für die Schule mit ihnen gepaukt auf Grund der anstehenden Tests, dass meine damaligen Lehrer vor Freude gejubelt hätten, wäre ich als Schülerin auch so eifrig bei der Sache gewesen. Allerdings habe ich von den ganzen Sachen im tatsächlichen Leben bisher höchstens 30% gebraucht. (Vielleicht kommt der Rest ja noch…) Trotzdem war es natürlich spannend, wieder ins Gedächtnis gerufen zu bekommen, dass die Römer früher eine Gemeinschaftstoilette benutzten, in welcher sie alle, unabhängig vom Geschlecht, auf einer Bank saßen um ihre Geschäfte zu verrichteten. Wenn ich dann im Vergleich dazu an die Stehtoiletten im heutigen China denke oder in Frankreich und Italien, dann war das 700 Jahre v. Chr. für die Frauen problemloser als heute. (Der Fairness halber muss allerdings erwähnt werden, dass man damals noch keine Hosen trug). Völlig neu hingegen war mir die Tatsache, dass Platus Plattfuß heißt und Brutus Dummkopf, und dieses Wissen werde ich sicherlich künftig mit großer Freude verwerten…
In einem Punkt ist allerdings das Schweizer Schulsystem aus meiner Sicht ein wenig rückständig, denn Aufklärungsunterricht gibt es, zumindest im Aargau, bis inklusive 7. Klasse überhaupt nicht. (Da wird noch die Sache mit den Bienchen und den Blümchen ausgiebig behandelt). Nach Meinung von Michelle, einer Schweizer Grundschullehrerin, liegt das daran, dass die Eltern ein Mitspracherecht haben, und die meisten haben sich hier dagegen entschieden!
Na und Lehrerinnen, bei deren pädagogischem Anreiz zum Lernen mir der Hals dick wird, gibt es natürlich auch überall. Ich glaube, ich wäre als Schülerin an die Decke gesprungen wenn ich tagelang gepaukt hätte für einen BIOLOGIETEST, um dann einen Punkteabzug zu bekommen, weil ich das Wort Chlorophyll nur mit einem l geschrieben habe. Sowas ist sicherlich gerade in der Pubertät unwahrscheinlich motivierend für das Lernverhalten…

Das Banksystem hingegen ist fortschrittlich, wobei ich nicht beurteilen kann, ob das in Deutschland inzwischen auch so gemacht wird. Alexandra bekam einen Anruf ihrer Bank hinsichtlich zweier Abbuchungen vom Visakonto, obwohl es sich um sehr geringe Beträge handelte. (1,90 sowie 100 Franken). Die Bank vermutete Betrug, was tatsächlich so war, und sperrte daraufhin nach der Rücksprache sofort die Karte. Meine nachträgliche Recherche ergab dann, dass die Banken mit einem Algorithmus arbeiten. Von jedem Kunden wird ein Profil angelegt hinsichtlich seiner Zahlungsgewohnheiten, und sowie etwas davon abweicht gibt der Computer ein Signal und es kommt zur persönlichen Nachfrage von der Bank. Mitunter hat also eine „Überwachung“ auch positive Seiten.

Die Geldbußen bei Geschwindigkeitsübertretungen hingegen sind in Deutschland im Vergleich zur Schweiz wahre Schnäppchenpreise. Ist man hier nach Abzug der Toleranzgrenze 8 Stundenkilometer zu schnell gewesen, kostet das 120 Franken.

Das waren jetzt nur einige kleine Blitzlichter, wobei vielleicht noch zu erwähnen ist, dass man auch ohne Sprachprobleme falsch liegen kann. Wird man nämlich aufgefordert, Peperoni als Gemüse zu machen, dann kann das ins Auge gehen wenn man das nimmt, was man als Deutsche unter Peperoni kennt. In der Schweiz sind Peperoni nämlich Paprikaschoten! Und möchte man eine Wärmflasche kaufen, bekommt man eine Thermokanne für Kaffee angeboten, denn eine Wärmflasche heißt hier Bettflasche.
Soweit zu den Unterschieden in der deutschen Sprache.

Zusammenfassend ist die Schweiz für mich das Land, in dem ich mich Gott mitunter ganz nahe fühlte durch die ständigen Wolkenspiele. Ich unterhielt mich sozusagen täglich mit dem Himmel, versuchte Antworten auf meine Fragen zu bekommen und bekam gleichzeitig viele Inspirationen für neue Geschichten. (Irgendwelche Macken muss ich mir im Alter schließlich zulegen, damit ich mich abhebe aus der Gruppe der Durchschnittsrentner).

Liebe Schweiz, ich werde sicherlich noch einmal wiederkommen, auch wenn ein Urlaub für uns Deutschen hier mehr als kostenintensiv ist.

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Und wer mir nach diesem Foto noch sagt, der Himmel könne ihn nicht zu Geschichten inspirieren, der sollte den Frosch vielleicht mal küssen…

Bern

Natürlich durfte auch Bern nicht fehlen bei meinen Exkursionen. Immerhin ist es die Hauptstadt der Schweiz, und die wollte ich mir ja nun doch anschauen, schönes Wetter hin oder her. Nach 1,5 Stunden Fahrt kamen wir dort an, und es regnete nicht bei meinem ersten Besuch. (Zumindest nicht am Anfang, das kam erst später). Wir parkten genau am Bärengraben, den wir uns als erstes anschauten. 1513 wurden die ersten Bären von einer Schlacht mitgebracht und bekamen ein eigenes Quartier in Bern. 1764 wurde der Standort verlegt, 1798 entführten die Franzosen die Bären und der Graben stand bis 1810 leer. 1825 mussten die Tiere ein drittes Mal umziehen und 1857 kamen sie dann an ihren jetzigen Standort bei der Nydeggbrücke.

Vorbei an einem Seilakrobaten, der über das Wasser balancierte ohne sich vom inzwischen eingesetzten Regen abschrecken zu lassen, ging es dann durch die wunderschöne Altstadt von Bern. Seit 1983 steht sie auf der Liste des UNESCO Weltkulturerbes, und das zu Recht. Harmonisch fügt sich ein Haus neben das andere, alles ist aufeinander abgestimmt, nichts lässt das Gefühl aufkommen, dass sich hier verschiedene Architekten ausprobiert hätten. Die Geschäfte sind überwiegend überdacht, als ob Bern bereits beim Bauen wusste, dass manche Sommer keine sind. Faszinierend auch die Luken zu den Kellergewölben. Ahnungslose (so wie ich es war) könnten denken, dort würde der Kohlenmann seine Ware hineinschütten. Was natürlich nicht stimmt, denn klappt man die Sache auf, erlebt man eine Überraschung: Entweder befindet sich dahinter der Eingang zu einem Kino, einem Restaurant, einer Boutique oder anderen Geschäften. Sozusagen die unterirdischen Einkaufsmöglichkeiten.

Im Berner Münster waren überwiegend Baugerüste zu sehen, und um den Turm zu besteigen war es zu spät. (Worüber ich nicht unfroh war, weil ich immer noch die Stufen des Züricher Karlturmes im Gedächtnis hatte). Dafür bewunderte ich die Zytglogge, (Zeitglocke), die von 1218-1220 erbaut wurde und unter anderem auch ein Figurenspiel innehat. Knapp vier Minuten vor der vollen Stunde kräht ein Hahn und ein in einer Nische sitzender Narr schellt an zwei über ihm hängenden Glocken, danach bewegt sich ein Umzug bewaffneter Bären aus dem Turm heraus und verschwindet wieder darin. Dann kräht der Hahn zum zweiten Mal und hebt die Flügel. Chronos, der Gott der Zeit, dreht eine Sanduhr, hebt sein Zepter zum Kommando des Stundenschlags und zählt die Schläge, die ein vergoldeter Ritter mit einem Hammer im Takt an die große Glocke schlägt, während ein stehender Löwe sein Haupt dreht, als höre er zu. Sobald die Stundenglocke verstummt ist, kräht der Hahn zum dritten Mal und verkündet den Anfang der neuen Stunde.

Dann stand ich plötzlich vor einer Kirche, die mich total faszinierte, bevor ich sie überhaupt betreten hatte. Gleich neben dem Rathaus steht die christkatholische Kirche St. Peter und Paul, erbaut von 1858-64. Sie hat den offiziellen Status einer Landeskirche, und der Unterschied zur römisch katholischen Kirche besteht darin, dass nach Meinung der Christkatholiken allein Christus und nicht der Papst das Haupt der katholischen Kirche sei. Beim Betreten des Gebäudes erlebten wir die nächste Überraschung: wir kamen in den Genuss eines Konzertes, da gerade die Generalprobe für die Orgelnacht stattfand. Das Kircheninnere beeindruckt durch schlichte Schönheit, und an allen Säulen stehen Sprüche, die man nur durch intensives hinschauen als solche erkennt.

Dieses Kirchenerlebnis klang noch lange in mir nach, und auf der Heimfahrt konnte ich dann wieder meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: den Himmel beobachten, der sich auch an dem Tag sehr zwiespältig zeigte.

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Fünf Tage später war ich dann noch einmal in Bern, nur für kurze Zeit, aber die reichte aus, um den Turm des Münsters zu besteigen. Ausnahmsweise war es einmal ein strahlend schöner Tag, und ich musste zunächst meinen inneren Schweinehund bekämpfen als mir auf Nachfragen gesagt wurde, es wären 222 Stufen bis nach oben. Im Nachhinein war ich froh, dass ich mich trotz aller Befürchtungen doch dazu aufraffte, denn ich hatte einen phantastischen Blick über Bern und Umgebung.
Beim runterlaufen zählte ich dann die Stufen, kam auf 342 und überlegte, ob ich vom Treppensteigen schon so kaputt war, dass ich nicht mehr zählen konnte, denn zwischen 222 und 342 liegen je nun mehr als nur zwei oder drei Stufen. Also ging ich noch einmal nachfragen, (hätte ja sein könne, dass in der halben Stunde angebaut worden war!!!), und siehe da, es klärte sich auf. Das, so meinte die Dame lächelnd, hätte sie vergessen zu erwähnen: 222 Stufen sind es beim hochlaufen bis zum ersten Ausblick, und wenn man auch die zweite Etappe noch macht bis ganz nach oben, (so wie ich), kommen nochmal 90 Stufen drauf. Beim runterlaufen ist es dann eine andere Treppe, damit es keinen Gegenverkehr gibt, und die beinhaltet insgesamt 30 Stufen mehr. Somit war mein Ergebnis mit 342 Stufen total richtig und ich war ziemlich erstaunt, die ganze Sache ohne große Stöhnerei gepackt zu haben. Wobei ich nicht weiß woran es lag: am schönen Wetter oder an der Tatsache, dass es beim hochsteigen keinen Gegenverkehr gab?

 

 

 

 

Zürich

Eigentlich wollte Dominique Schütz mit mir in die Berge fahren. Aber je näher der vereinbarte Termin rückte, desto skeptische wurde sie. Nicht wegen der Berge, nein, wegen des Wetters. So schlimm wie in diesem Jahr hat es sich scheinbar noch nie gezeigt, zumindest ist das die Meinung der Schweizer Bevölkerung. Letztendlich entschieden wir uns dann, nicht in die Berge zu fahren, sondern den Tag in Zürich zu verbringen. Denn die Stadt kannte ich bisher überwiegend nur im Platzregen von der Bööggverbrennung.

Das Wiedersehen mit Dominique war richtig schön. Wir haben uns vor sieben Jahren kennengelernt und danach nicht noch einmal gesehen, erkannten uns aber trotzdem sofort wieder. Und da Dominique nicht nur eine ausgezeichnete Schriftstellerin ist sondern sich auch in allen Kunst und Kulturdingen sehr gut auskennt, hatte sie eine große Auswahl von Vorschlägen, was sie mir denn nun zeigen sollte. Letztendlich entschied ich mich für die Kategorie Kirchen, denn die haben mich schon immer fasziniert. Vorher wurde ich allerdings noch vertraut gemacht mit den Orten, die man sich schon einmal angeschaut haben sollte wenn man in Zürich ist. Vorbei am Denkmal von Pestalozzi und dem Schweizer Reformator Zwingli ging es zunächst zum Restaurant Odeon, in welchem früher Einstein, Stefan Zweig, Max Frisch, Remarque und sogar Lenin verkehrten. Seit den 80er Jahren ist es ein Treffpunkt für intellektuelle Künstler und für Homosexuelle, und rein optisch hat es einen ganz besonderen Charme.
Gleich um die Ecke befindet sich das Restaurant „Kronenhalle“, welches ebenfalls ein beliebter Treffpunkt war für Max Frisch, Picasso, Dürrenmatt, Richard Strauß, Coco Chanel etc. Das strahlt allerdings eine gediegene Vornehmheit aus und ist sozusagen in jeder Richtung eines der teursten Mercedes Modelle.

Dann ging es zunächst in die evangelisch reformierte Kirche St. Peter. Ihre Turmuhr hat das größte Zifferblatt Europas, und der als einziger in barocker Zeit erstellte Kirchenraum wirkt wie ein heller, warmer Festsaal.

Danach ging es ins Grossmünster, ebenfalls eine evangelisch-reformierte Kirche in der Altstadt von Zürich. Seine charakteristischen Doppeltürme sind das eigentliche Wahrzeichen Zürichs. In die Krypta kamen wir leider nicht, sie war durch Holzbalken verschlossen und somit unzugänglich. Ich merkte einmal wieder, dass ich manchmal ein Kunstbanause zu sein scheine, denn für mich war das eine Baustelle. Erst viel später bekam ich mit, dass das Kunst war und eine Holzinstallation darstellte. Aber ich kann gut damit leben, dass nicht alle Kunst von mir als solche erkannt wird und mir nicht gefällt. Dafür war ich ganz mutig und bestieg den Karlsturm. Zum Glück wusste ich vorher nicht genau was auf mich zukommt, sonst hätte ich es mir bestimmt verkniffen. 187 Stufen die erklommen werden mussten, ganz eng und ausgetreten, und bei Gegenverkehr gab es mitunter arge Probleme. Aber die Aussicht auf Zürich war grandios. (Es nieselte auch nur ganz wenig als wir oben waren).

Als dritte Kirche durfte das Fraumünster nicht fehlen. 1853 erhielt es als erste Kirche in Zürich wieder eine Orgel, und seither hat auch die Musik einen festen Platz im Gottesdienst. Ein Anziehungspunkt sind auch die Fenster von Marc Chagall, die aus dem Jahr 1970 und 1978 stammen.

Nach dem Essen entschlossen wir uns zu einer Bootsfahrt auf dem Zürichsee. Sehr interessant, und auch der starke Regenguss während der Fahrt verdarb uns nicht die Freude. Zum Wetter braucht man nichts zu sagen, schaut euch das Foto vom Himmel an und ihr ahnt es. Aber irgendwie hatten wir Glück, denn die starken Regengüsse gingen immer erst dann nieder, wenn wir irgendwo im Trockenen waren. Ansonsten tröpfelte es so vor sich hin, wie auch beim abschließenden Flanieren auf der Bahnhofstraße. Die übrigens menschenleer war, und ich weiß bis heute nicht, ob es am Sonntag lag oder am Wetter. Aber das ist auch nicht wichtig, denn es war trotz des Wetters ein sehr schöner Tag. Danke Dominique.

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Luzern

 

20160527_134937An einem der wenigen schönen Tage, die ich wettermäßig bisher hier erleben durfte, nutze ich die Gelegenheit, mit Alexandra nach Luzern zu fahren. Während sie dienstlich unterwegs war hatte ich Zeit und Muße, mir einen kleinen Teil dieser wunderschönen Stadt ein wenig näher anzuschauen. Seitdem hat Luzern eine Verehrerin mehr.
Für mich ist es eine Stadt zu verlieben. Ich stand am Vierwaldstättersee, betrachtete bei strahlendem Sonnenschein die umliegende Bergwelt, (allen voran den beeindruckenden Pilatus), lief auf der Kapellbrücke von der Neustadt in die Altstadt, bummelte durch die vielen kleinen Gassen, schaute mir wunderschöne alte Häuser an und war rundherum glücklich. Sicherlich habe ich nur einen Bruchteil erkunden können, aber ich weiß, dass ich wiederkommen werde, und zwar mit viel mehr Zeit.

 

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Selten hat mich eine Stadt auf Anhieb so positiv gefangengenommen wie Luzern,  woran immer das gelegen haben mag.

 

 

 

 

 

UNGEbetenE GÄSTE…

… so heißt das Stück, welches die Theatergruppe der Oberstufe Reinach, der Alizée angehört, unter der Leitung von Frau Antonia Ritz erstmals am 23.5. aufführte. Ausgedacht hatten die 13jährigen sich die Gruselgeschichte selbst, seit März waren sie einmal wöchentlich intensiv am proben.

Zum Inhalt:

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Amelies Oma ist vor einem Monat verstorben und hinterlässt ein alleinstehendes Haus. Eine super Gelegenheit, sich übers Wochenende mit allen Freundinnen endlich einmal ungestört Horrorfilme ansehen zu können. Nachdem unter den 14 Mädchen zunächst ein „Zickenkrieg“ entbrennt, weil Aylin nur an sich und ihre Schönheitspflege denkt und das gesamte warme Wasser allein verbraucht, sitzen sie alle einträchtig vor dem Fernseher.

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Nach Beendigung des Filmes nehmen sie die unterschiedlichsten Geräusche wahr, und die christlich orientierte Sophia kennt auch den Grund: sie kommen vom Geist der Großmutter, die noch keine Ruhe gefunden hat. Als ihr Gebet nicht hilft und sie ein entsprechendes Buch aus dem Regal nehmen möchte gibt es einen Knall, das Licht erlischt, und nachdem es wieder hell wird, ist Sophia wie vom Erdboden verschwunden. In heller Aufregung werden die Geister befragt, was man tun soll, und die Antwort ist erschreckend: damit Sophia wieder auftaucht, wird Blut benötigt sowie ein Auge und eine Seele.

Das mit dem Blut bekommen die Mädchen hin, da sich Kim beim Kabel reparieren in den Finger schneidet, und das Auge nehmen sie von einer Puppe, die sie auf dem Dachboden finden. Schwierig wird es allerdings mit der Seele. Während alle noch über dem Problem grübeln, weil sie Stellas Angebot, sich freiwillig zu opfern, ablehnen, taucht Sophia wieder auf. Die Freude ist groß, und atemlos lauschen alle ihrer Erzählung: sie war in den Keller gefallen und hatte dort Kontakt zu einem außergewöhnlich gut aussehenden Geist, mit dem sie sich ausführlich über die Bibel unterhielt. Er lebt seit über 100 Jahren dort unten und wartet auf seine Erlösung durch eine andere Seele, um endlich zur Ruhe kommen zu können.
Amelie gesteht zerknirscht, den Spuck mit den Geräuschen und der Falltür in den Keller inszeniert zu haben, allerdings sollte eigentlich Aylin im Keller landen, weil sie immer nur an sich denkt. Sophia traf es nur versehentlich, als sie den Mechanismus der Falltür auslöste durch die Herausnahme des Buches aus dem Regal.
Weil Sophia aber immer noch in allen Einzelheiten von dem gutaussehenden Geist im Keller schwärmt, sitzen zum Schluss alle wieder einträchtig vor dem Fernseher, um sich nunmehr eine Schnulze anzuschauen und die Liebeslieder mit träumerischen Blicken mitzusingen.  

Die jungen Mädchen spielten mit viel Freude und Hingabe, und alles wirkte sehr authentisch: die Disskussionen in Bezug auf die Problemlösungen ebenso wie die Geisterbeschwörung. Bemerkenswert auch, wie von der Theatergruppe bereits beim Drehbuch schreiben die unterschiedlichen Charaktere der handelnden Hauptpersonen herausgearbeitet wurden: Aylin, die meist nur an sich selbst und ihre Bedürfnisse denkt, Amelie, die der selbstverliebten Aylin einen Denkzettel verpassen möchte, Kim, die sich immer in Szene zu setzen weiß indem sie im passenden Moment in Ohnmacht fällt, sowie Sophia, die grundsätzlich davon ausgeht, dass durch beten alles zu regeln ist.
Um Freundschaft geht es in dem Stück, um gemeinsame Problemlösung, um Akzeptanz, um Zusammenhalt und um Ehrlichkeit.

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Es war ein sehr schöner Abend mit dem Theaternachwuchs, und nicht nur die jungen Schauspielerinnen hatten viel Spaß, sondern auch die Zuschauer.
Wobei ich wahrscheinlich diejenige war, die das größte Problem hatte: das ganze Stück wurde nämlich in „schwiizerdütsch“ gespielt, und die Tatsache, dass ich trotzdem den größten Teil der Handlung verstand, spricht für eine gelungene Inszenierung.